Kioskforscher http://kioskforscher.posterous.com Most recent posts at Kioskforscher posterous.com Tue, 08 May 2012 01:01:00 -0700 Entdeckt (30): Matrix3000 Zeitzone 2012 - Ohne Gewähr http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-30-matrix-3000-zeitzone-2012-endslan http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-30-matrix-3000-zeitzone-2012-endslan

Mehr Katastrophen und Kinder, die mit den Füßen Zeitung lesen? Auf 68 Seiten analysiert das Magazin "Zeitzone 2012" die Zukunft der Menschheit. Alle Prognosen sind ohne Gewähr und eine Qual für den Leser.

Covermatrixzeitzone

Meistens merke ich schnell, dass ich die falsche Zeitschrift am falschen Ort lese. Zum Beispiel, wenn man mich im Duz-Dorado McFit plötzlich siezt, weil ich zwischen den Übungen durchs Time Magazine blättere. Oder wenn mir mein Bahnsitznachbar solange wortlos zusieht, bis ich nervös werde und darauf verzichte, amüsante Textpassagen aus der Männerzeitschrift Coupé zu umkringeln. Auch in meinem jüngsten Urlaub hatte ich ein Heft dabei, für dessen Lektüre ich mich schämte, Blog hin oder her: Zeitzone 2012.

Oft versteckte ich das Heft in meinem Rucksack, einmal auch unter der Poolliege, mit dem Titelbild nach unten. Denn Zeitzone 2012 wirkt auf den ersten Blick ungefähr so seriös wie UFOs & Kornkreise. Das Magazin ist ein Sonderheft von Matrix3000, dem selbsternannten "Magazin für neues Denken", dessen inhaltliche Ausrichtung Schlagzeilen wie "Putin droht mit 'Zombie-Waffen'" und "Katzenschnurren macht gesund" dokumentieren.

Horrorszenarien und Verschwörungstheorien

Immerhin beschäftigt sich das Sonderheft mit existenzielleren Dingen als medizinisch verwertbaren Miezen. Es geht um die Zukunft des Planeten, um "2012 und danach", um Fragen wie: Brechen bald Supervulkane aus? Droht eine Kältewelle? Hatten die Maya recht und womit eigentlich? Auf immerhin 68 Seiten dürfen sich laut der Autorenbeschreibungen spirituelle Heiler, Beststellerautoren und Mathematiker an derartigen Fragen abarbeiten. Der Reihe nach, in der Regel ohne Bezüge aufeinander. Heraus kommt ein Mix aus Horrorszenarien, Weltgeschichte und Verschwörungstheorien. Ein endslangweiliger Mix.

Nach jeder Menge Geschwafel erschöpfen sich die meisten Texte in Fazits wie "Die Jahre 2011 und 2012 markieren den Wendepunkt eines langen Transformationsprozesses. Das Alte wird von nun an weichen, um einer neuen, wahrhaft humanen Gesellschaft Raum zu geben. Wie dieser Prozess verläuft, liegt in der Hand eines jeden von uns." Aha. Derartige Texte bekäme wohl auch ein Autorteam zusammen, das aus einem beschwipsten Esoteriker besteht, einem Forscher, der aus Prinzip das Gegenteil behauptet, sowie einem Verkäufer von Gebrauchtwaren, der seinen Umsatz ankurbeln will.

Wir, die Menschheit

Letzterer hätte zum Beispiel die Checkliste schreiben können, die verrät, welche Gegenstände in Krisenzeiten wichtig sind: eine Axt etwa, ein Radio und ein Frequenzgerät, das Hunderte von Heilfrequenzen enthält. Wie praktisch, dass der Matrix3000-Leserservice eine Seite weiter einen "Analyse- und Frequenzgenerator" anbietet (4.680 Euro). Doch so obskur mir die Liste bisweilen vorkam: Sie war der einzige von zwölf längeren Artikeln, den ich in einem Rutsch durchlesen konnte. Halbwegs spannendes Thema, halbwegs kreativ aufbereitet. Ein Genuss in einem Heft, das auf kleinteilige Elemente weitgehend verzichtet.

Ob und in wie fern die Texte über eine drohende Kältewelle, den Mayakalender und Palmblattmanuskripte inhaltlich Schwachsinn sind, weiß ich nicht. Nach wenigen Absätzen verlies mich jeweils die Kraft weiterzulesen. Textbrei, angereichert mit Jahreszahlen und Verweisen auf seltsame Bücher, ertrage ich nur in kleinen Portionen. Am meisten störte mich, dass viele Texte aus der "Wir"-Perspektive geschrieben sind. Als würden langwierige Artikel bedeutungsvoller, wenn ihr Autor die Sicht der gesamten Menschheit einnimmt.

 Naturkatastrophen und Mayatempel

Ein weiterer Tick der Schreiber ist es, ständig Fragen aufzuwerfen, mal phrasenhaft ("Wohin steuert unser Boot?"), mal als Gedankenspiel verpackt: "Stellen wir uns also Menschen vor, die zu Anti-Atomdemos gehen, im Bioladen einkaufen und einen Yoga-Kurs besuchen. Sind über dieses Bewusstseinsniveau hinaus überhaupt noch Steigerungen denkbar?" Puh, schwierig. Denke ich drüber nach, wenn ich wieder wach bin. Im selben Artikel stellt der Autor eine Theorie zum menschlichen Bewusstsein vor: Indigo-Kinder könnten fantastische Fähigkeiten entwickeln, wie die, eine Zeitung mit den Füßen zu lesen.

Diese Fähigkeit würde den Lesern von Zeitzone 2012 helfen: Mit ihrem neuen Fußreader könnten sie dem Layout entgehen, das Texte augenfeindlich auf roten, lilanen und dunkelblauen Hintergründen präsentiert. Ebenso den klischeehaften Fotomotiven, bei denen das Heft auf Naturkatastrophen, wütende Protestler und Mayatempel setzt. Stellenweise sind die Bilder allerdings unscharf, selbst die Titeloptik wirkt von Nahem pixelig. Erfrischend fand ich eine Werbeanzeige zwischen den Symbolfotos. Ein Hersteller bewirbt sein Probiotikum mit dem Slogan "Erste Hilfe gegen Stress". Ideales Heft dafür.

Zeitzone 2012 - ein Fazit

Auf Basis einiger Stunden Selbstgeißelung kann ich sagen: Als Urlaubslektüre eignet sich Zeitzone 2012 kein bisschen. Wahrscheinlich lesen sich selbst Nostradamus' Prophezeiungen unterhaltsamer. Dem Magazin fehlt es jedoch nicht nur an ansprechendem Inhalt, sondern auch an Glaubwürdigkeit: Einem Heft, das voll ist mit effekthascherischen Symbolfotos und das seine Weisheiten in "Wir"-Form verbreitet, nehme ich aus Prinzip keine wissenschaftlichen Zusammenhänge ab. Eher werfe ich es in den Pool, dort kann es seine Sintflut erleben.

Ach ja: Einen klassischen Weltuntergang zum Jahresende prognostiziert keiner der Zeitzone-Autoren. Eher drohen Verschärfungen jetziger Krisen, heißt es, vielleicht auch neue Naturkatastrophen. Und für den Fall, dass die Welt wider Erwarten doch untergeht, bleibt das Heftimpressum: "Alle Inhalte entsprechen dem besten Wissen der Redaktion nach gründlicher Prüfung", steht dort, "trotzdem kann keine Gewähr übernommen werden."

 

Infos zum Heft

Zeitzone 2012 erscheint als Sonderheft des Magazins Matrix3000 im Matrix3000-Verlag. Kaufen kann man Matrix3000 im Bahnhofsbuchhandel, in spirituellen Buchhandlungen und auf verschiedenen Messen und Kongressen. Es kommt zweimonatlich auf den Markt.

Eine Anfrage zur Auflage von Sonderheft und regulärem Magazin hat mir der Verlag bisher nicht beantwortet. Wenn eine Antwort kommt, trage ich sie an dieser Stelle nach. Die erste Ausgabe von Matrix3000 erschien laut des Heftarchivs im Jahr 2000. 

Beschrieben wurde das Sonderheft 15. Es kostet 6,50 Euro und hat 68 Seiten.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Sun, 15 Apr 2012 11:33:00 -0700 Entblättert (2): Magische Welt - "Warum sollte ich meine Tricks nicht verraten?" http://kioskforscher.posterous.com/entblattert-2-magische-welt-uber-eine-zauberh http://kioskforscher.posterous.com/entblattert-2-magische-welt-uber-eine-zauberh

Verblüffend: Seit 60 Jahren erscheint in Deutschland ein Magazin für Zauberer. Zeit für einen Anruf beim Chef der "Magischen Welt", Wittus Witt. Ein Gespräch über verratene Tricks und getäuschte Suchmaschinen.

Covermagischeweltinterview
"Arbeitstiere der Irokesen". "kamelkot bei durchfall". "swarovski stein verschluckt". Selbst für derart ungewöhnliche Anfragen liefert Google zuverlässig Suchergebnisse. Darunter: dieses Blog. Zusätzlich landen hier körperbetont googelnde Menschen, die '"gestriemter arsch" -mädchen -brüste -votze -sklavin -domina"' ins Suchfeld tippen. Alternativ "BDSM mösen texte". Willkommen im wohl abgefucktesten deutschen Medienblog.

Es ist Zeit, das Niveau zu steigern. Damit sich meine Kritiken bald mit schönen Schlagworten wie "Zauberhafte Zeitschrift" finden lassen, habe ich mich zu einem Interview verabredet. Mit einem Zauberer, der ein Magazin veröffentlicht. Wittus Witt, "mein Alter ist nicht wichtig", ist Herausgeber und damit Textchef wie Layouter der Magischen Welt, Europas größter Zauberkunstzeitschrift. Sie existiert seit 1952 und bietet Künstlerporträts, Vorstellungskritiken und Trickerklärungen. Ich habe mir die Ausgabe 1/2012 bestellt.

Wittus Witt hat früher im WDR gezaubert (YouTube-Beweis), sogar im Radio präsentierte er seine Tricks. Bis heute tritt Witt mit eigenem Programm auf, außerdem schreibt er Bücher. Der Zeitschriftenmacher liest am liebsten den Spiegel, den Focus und die Zeit. Hin und wieder greift er am Kiosk auch zu Brand eins und zu Fotografieheften. Im Kulturgenre mag er neben Theater heute das Musikmagazin Rolling Stone.  

Kioskforscher: Herr Witt, laut des Impressums lassen Sie von Ihrer Zauberkunst-Fachzeitschrift 2500 Exemplare drucken. Gibt es überhaupt so viele Zauberer? Oder tricksen Sie auch bei der Auflage?

Wittus Witt: "Es gibt viel mehr Zauberer als jene 2500, die meine Zeitschrift abonniert haben. Ich schätze, dass allein in Deutschland bis zu 5000 Menschen aktiv zaubern. Hauptberuflich macht es allerdings der kleinste Teil. Ich gehe davon aus, dass zwischen 120 und 150 Zauberer von ihrer Kunst leben können."

Die Magische Welt ist ein Traditionstitel, sie erscheint seit 1952. Hat man da nicht irgendwann alle Kartentricks einmal erklärt?

"Ich gebe das Heft seit 2000 heraus, in dieser Zeit habe ich viel daran verändert. Im Vergleich zu meinem Vorgänger lege ich mehr Wert auf die Historie und die Theorie - und beides wandelt sich, genau wie die Auftrittsformen. Aus dem klassischen Zauberer der 50er-Jahre in Frack und Zylinder ist heute, ich formuliere es mal salopp, der Zauberkünstler in Jeans und T-Shirt geworden. Mein Heft begleitet diese Entwicklungen. Bei den Kunststücken vermeide ich es, alte neuaufzulegen. In der Magischen Welt will ich exklusive, bis dahin unbekannte Tricks präsentieren."

Das machen Sie in Form einer Beilage. Das "Zaubersalz" enthält Anleitungen für mehrere Kunststücke, unter anderem mit einer Parkscheibe. Ich dachte immer, unter Zauberern wäre es verpönt, Tricks zu verraten?

"Verrat klingt immer nach einer Gesetzesübertretung, das ist es ja nicht. Warum sollte ich meine Kunst nicht zeigen? Nicht das Geheimnis des Kunststücks macht die Zaubervorstellung aus, sondern der Künstler. Ich vertrete die Theorie, dass Zuschauer heute gern erfahren dürfen, wie ein Trick funktioniert. Bei guter Vorführung werden sie sich morgen trotzdem davon verblüffen lassen. Bei Filmen weiß der Zuschauer schließlich auch, dass mit Schnitten gearbeitet wird. Deswegen ist ein Film für ihn nicht weniger wertvoll." 

Manche Tipps aus Ihrer Zeitschrift wirken wie Binsenweisheiten, zum Beispiel die Erkenntnis eines Zauberers: „Starke optische Veränderungen werden stärker wahrgenommen als geringfügige oder keine (wahrnehmbaren) optische Veränderungen“. Alles andere hätte mich gewundert.

"Solche Sätze sind nicht unbedingt Binsenweisheiten, die muss erstmal jemand ausformulieren. Vieles, was noch nicht aufgeschrieben wurde, weiß man. Und wenn es dann jemand aufschreibt, sagt man "Ja Mensch, klar, sicher." In so einem Fall ist es doch gut, dass es endlich mal ausformuliert wurde. Man geht oft am Einfachsten vorbei."

Muss man Zauberer sein, um ihre Zauberzeitschrift vollständig zu verstehen? Mich haben einige der vorgestellten Phänomene überfordert. Auch nach zweimaligem Lesen eines Artikels über sogenannte WOW-Cards hatte ich keine Ahnung, wie Spielkarten in geschlossene Flaschen gelangen könnten.

"Es ist normal, dass für Nicht-Fachleute in Fachzeitschriften hin und wieder Böhmische Dörfer existieren. Man muss sich reinlesen. Die WOW-Cards sind ein spezielles Gebiet, das über die Zauberkunst hinausgeht. Ich wollte das Thema trotzdem abdecken, weil es so reizvoll ist. Wir haben im Heft auch noch die Verbindung zum Internet, mit QR-Codes und abgedruckten Links. Die können Sie nutzen, dann erfahren Sie, was Ralf Rudolph mit seinen WOW-Cards meint."

Im Heft geht es an vielen Stellen um den Einfluss des Internets. Man muss aufpassen, auf Facebook-Fotos nett zu gucken, heißt es sinngemäß in einem Artikel. Ein anderer Text fragt in der Überschrift, ob das Internet den „Niedergang der Zauberkunst“ bedeutet. Wie typisch sind diese Artikel für Ihr Magazin?

"Wie das Internet im täglichen Leben eine wichtige Rolle spielt, spielt es sie auch im Heft. Ich glaube, das Internet ersetzt heutzutage in vielen Bereichen Vereine. Im Netz gibt es auch unzählige Erklärungen für Zauberkunststücke. Informationen, nach denen man früher Tage gesucht hat, bekommt man innerhalb weniger Sekunden. Das kann man nicht einfach ausblenden, man muss sich damit beschäftigen. Und Zauberkünstler stellen sich natürlich im Internet dar, etwa mit YouTube-Filmen."    

Kurios fand ich den Artikel „Trittbrettfahrer“. Er handelt davon, dass sich ein Hobbykünstler im Internet als bekannter Zauberer ausgibt und so dessen Google-Suchtreffer einstreicht. Den Autor des Textes empört das. Aber ist das streng genommen nicht auch eine Form der Illusionskunst? Suchmaschinentäuschung?

"Natürlich hat das mit einer Illusion zu tun. Ich lehne die Bezeichnung Illusionskünstler für Zauberer aber ab, weil sie nicht eindeutig ist. Die Geschichte passte gut zum Thema Zauberkunst und Internet, da habe ich sie ins Heft genommen. Getäuscht und kopiert wurde schon immer, aber im Internet ist das oft besonders einfach. Digital können Sie sehr schnell Bilder bearbeiten. Denken Sie nur an die ganzen Spam-Mails: Da stellen Menschen die Homepage Ihrer Bank nach, um an Ihre Geheimnummer zu kommen."

Mit Ihrem Namen und Ihrer Prominenz prägen sie die Magische Welt. Die Witz-Seite ist nach Ihnen benannt ("Witts-Seite"), in der Rubrik „Vorgestellt“ porträtieren Sie einen Ihrer Schulkumpels. Könnte es die Zeitschrift ohne Sie geben?

"In dieser Form nicht. Sie lebt mit meinem ganzen Herzblut. Häufig fahre ich selbst zu den vorgestellten Veranstaltungen, will mir selbst ein Bild machen. Das ist wichtig, weil ich die Artikel gern mit meiner Meinung versehe. Die Magische Welt trägt von vorn bis hinten meine Handschrift, meine Auffassung zur Zauberkunst inklusive. Für mich ist klar, dass Zaubern eine Kunstform ist. Gleichwertig mit Musik, Theater, Fotografie. Aber ich veröffentliche natürlich auch Artikel, die nicht meine Meinung teilen."

Ich habe zufällig die erste Ausgabe nach einem Relaunch erwischt. Das Layout sei jetzt frischer, schreiben Sie über Ihre „alte Dame“. Ich als junger Leser finde die Heftoptik bestenfalls solide, um ehrlich zu sein. Wie schlimm war es vorher?

"Als ich das Heft übernahm, erschien es im kleinen B4-Format. Vom Layout her war es eine Schülerzeitschrift, Textwüste folgte darin auf Textwüste, alles in sehr sachlichem Satz. Ich habe das Heft dann auf 22 mal 29 Zentimeter vergrößert, ihm ein erstes Facelifting verpasst. Jetzt, nach über zehn Jahren, habe ich die Gestaltung erneut überarbeitet, mehr Farbe reingebracht. Das Layout ist seitdem großzügiger. Wenn man das Heft durchblättert, hat man schon Lust, mit dem Lesen anzufangen, finde ich."

Gelangweilt haben mich an Ihrem Heft die Überschriften. Ein Artikel über eine Kulturbörse ist zum Beispiel betitelt mit "Kunst und Kultur pro Quadratmeter“, das Porträt eines hauptberuflichen Zauberers mit „Bodenhaftung und wohlgeformt“. Die Texte waren oft viel interessanter als die Zeilen. Und auch vernünftig geschrieben.

"Wenn Sie das so sehen... Ich finde, "Kunst und Kultur pro Quadratmeter" klingt sehr reizvoll. Da fragt man sich: "Hallo, wie geht das zusammen"? Weil Kunst sich ja eigentlich nicht in Quadratmetern ausdrücken lässt. Mir gefallen die meisten Überschriften sehr gut."

Auf Ihrer Homepage bezeichnen Sie die Magische Welt als „Deutschlands größte unabhängige Zauberfachzeitschrift“. Von wem sind andere Hefte denn abhängig? Von dunkeln Mächten? 

"Es gibt in Deutschland einige Zauberzeitschriften, die von Vereinen herausgegeben werden. Diese Vereinszeitschriften müssen natürlich auch den Verein loben, da geht es um die Vereinsmeierei. Wann wird wo jemand geboren? Wer grüßt wen? Wie steht es um den Vorstand? All dieses Zeug hat die Magische Welt nicht." 

Herr Witt, herzlichen Dank für das Gespräch.

Es liegt übrigens an einem anderen Interview, dass die Sadomaso-Anfragen zu meinem Blog führen. Im November hatte ich den Chefredakteur des Hefts Schlagzeilen befragt.

 

Infos zum Heft

Magische Welt erscheint zweimonatlich im Hamburger mw-Verlag, der auch Bücher über das Zaubern veröffentlicht, etwa "Geld her! Kunststücke mit Banknoten". Mit einer Druckauflage von 2500 Exemplaren ist das Magazin Europas größte Zauberkunstzeitschrift.

Erhältlich ist Witts Heft ausschließlich im Abo, einzelne Ausgaben bietet der Verlag für acht Euro an. Ein Jahresabo der Magischen Welt (unter anderem bei Amazon erhältlich) kostet 39,50 Euro. Auf den Markt kam das Heft 1952.

Im Interview geht es um die Ausgabe 1/2011. Sie hat 44 Seiten, zudem enthält sie „Zaubersalz“, eine 16-seitige Beilage mit exklusiven Zauberkunststücken.

Die Rechte an seinem Porträtfoto liegen bei Wittus Witt.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Thu, 29 Mar 2012 00:25:00 -0700 Entdeckt (29): Trucker - Kabinenschmuddel inklusive http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-29-trucker-das-magazin-fur-fernfahre http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-29-trucker-das-magazin-fur-fernfahre

Gehaltvolle Staulektüre: Mit LKW-Tests, Reportagen und Rätseln präsentiert sich "Trucker" als gut gemachte Fernfahrerzeitschrift. Vor Beifahrern würde ich das Heft trotzdem verstecken. Zu viele dauergeile Großmütter.

Covertrucker

Kunst? Kitsch? Ständig streiten Leute über die Bedeutung von Computerspielen. Dabei könnten sie einfach mich fragen. Aus der Schulzeit weiß ich, wie wichtig Spiele für das Image junger Menschen sind. In meiner Sitzreihe galt: Du bist, was du zockst. Und zumindest zeitweise war ich ein Freak: Während meine Freunde Counter-Strike spielten, widmete ich mich King of the Road, einer Trucker-Simulation samt Radarkontrollen und Tanken. Gänsehautgefahr? Nur bei offenem Fenster. Aber irgendwie hatte ich Spaß.

Das LKW-Fahren fesselt mich bis heute, allerdings nicht wegen der Fahrzeuge. Mich fasziniert die Stupidität des Berufs Brummifahrer. Stundenlang über Autobahnen donnern, im Abendrot wie im Morgengrauen. Auf der rechten Spur im Stau stehen, während Hintern und Rücken schmerzen. Schon immer wollte ich wissen, warum Menschen sich das antun. Wie sie das aushalten. Ob das romantisch ist. Einblicke in die Welt des Transports gewährt Trucker, ein Fernfahrermagazin mit dem Motto "Näher dran".

Spurbreiten, Gehirnjogging und ein täuschender Test

Das Heft gliedert sich in fünf Ressorts wie "Technik", "Berufsinfo" und "Unterhaltung". Darin verstaut die Redaktion praktisch jedes Thema, das bei optimistischer Interpretation mit Kraftfahren und Verkehr zu tun hat: eine Umfrage über Spurbreiten, einen Bericht übers Gehirnjogging oder eine vom Werbekunden präsentierte Übersicht der Fahrverbote. Die Meldungen unter "Aktuelles" enthalten praktische bis kuriose Infos, darunter die, dass an Freitagen, die auf den 13. fallen, nicht mehr Unfälle passieren als an normalen. Generell sei Freitag aber der Wochentag, an dem die meisten Personenschäden gezählt werden.

Auf 116 Seiten bietet Trucker viel Lesestoff, meine Lektüre dauerte über zwei Stunden. Ungefähr drei Autobahnkreuze lang unterhält allein die Titelgeschichte, ein 14-seitiger LKW-Test. Natürlich mit Techniktabelle für Zahlenliebhaber. Geärgert hat mich an diesem Heftteil lediglich die Coverankündigung: "Langzeittest: 7 Trucks, 3 Jahre, 500.000 km". Für mich suggerierte die Zeile, dass der Test bereits beendet sei. Tatsächlich beginnt er erst, den Ausgang erfährt der Leser nicht vor 2015. Da trösten die guten Fotos von Fahrerkabinen und Betten der Wagen nur bedingt.

Werbung fürs LKW-Fahren - mit Rinderfett

Allgemein schwankte meine Aufmerksamkeit beim Lesen, vor allem die Technikthemen langweilten mich als Laster-Laien schnell. Zum Glück berichtet Trucker über mehr als Kühlanhänger und Elektromotoren: Überraschend viele Geschichten erzählt das Heft anhand von Personen. Positiv in Erinnerung blieb mir das Porträt eines Havariekommissars, der sich Streits über verdorbene Frachten annimmt. Ebenfalls gut: Reportagen über den Münchner Großmarkt und das LKW-Fahren in Oman, sowie truckfreundliche Film-, Fernseh- und Musiktipps.

Die meisten Artikel sind vernünftig lesbar, die Bilder überwiegend eindrucksvoll. Sudoku- und Kreuzworträtsel lenken von manch dämlicher Anzeige ab ("Ich möchte Löcher im Käse und nicht im Servicenetz"). Manchmal driftet jedoch auch Trucker ins Belanglose, etwa bei der "Frage des Monats". Sie lautet hochspannend: "In welchem Jahr sind Sie geboren?" Abtörnend wirkt ein Text über einen jungen Trucker, der als Branchenbotschafter für den Trucker-Beruf wirbt (Slogan: "Mit Bock aufn Bock"). Der Artikel dokumentiert, wie der Mann erfolgreich Rinderfett verlädt.

Kaffeklatsch statt Seniorensex?

Interessanter sind die Länderklischees: In drei aufeinanderfolgenden Texten wird beiläufig erwähnt, wie unvorsichtig französische Brummifahrer rangieren. Mit ihren Kühlern sollen sie "ganze Betonpoller schreddern". Ein kleines Drama spielt sich in der Rubrik "Bekanntschaften" ab. Herbert, 51, sucht dort eine "treue Sie" - während in der einzigen anderen Anzeige eine Dame einen LKW-Fahrer sucht, dem Treue noch etwas bedeutet. Leider mit Sonderwunsch: Der Mann soll maximal 50 sein. Armer, alter Herbert.

Mit Ausnahme einiger Autorinnen-Fotos kommen in Trucker fast keine Frauen vor. Ausgenommen nackte. Zweieinhalb Seiten sind mit Sexanzeigen gepflastert. Vom Girl mit Strumpffetisch bis zum übergewichtigen "Prachtweib" versammelt sich dort alles Schmuddelige, was nicht mehr ins Boulevardblatt passte. So werben wahlweise erfahrene, scharfe oder heiße Omas für ihre Dienste. Wobei ein Angebot nach Kaffeeklatsch klingt: "Reife Omas erzählen, was du wirklich brauchst." Ach ja? Ferien vielleicht? Schlaf? Einen neuen Job? Die Info kostet 1,59 Euro. Pro Minute. 

Trucker - ein Fazit

Für ein Technikheft macht Trucker vieles richtig: Das Heft setzt auf Personalisierung, die meisten Geschichten lassen sich deshalb gut lesen. Die Themenbandbreite beeindruckt, der Preis von 3,70 Euro wirkt angesichts des Umfangs fair. Unverständlich bleibt, warum das Magazin für ein paar Sexanzeigen seine Seriosität aufs Spiel setzt. Muss man Truckern wirklich faltige Großmütter in die Zeitschrift packen? Im Jahr 2012, wo es zu jedem Fetisch das passende Google-Suchergebnis gibt? Mir wäre es peinlich, diese Seiten in der Kabine liegen zu haben. Wenn ich denn echter Trucker wäre - und nicht nur am PC.

Von der Trucker-Simulation meines Vertrauens habe ich mir vor 2002 sogar den inoffiziellen Nachfolger aus den USA importiert, Hard Truck - 18 Wheels of Steel. Glücklich macht mich dieses Spiel jedoch nicht. Statt über geschlängelte Landstraßen steuerte man seinen LKW darin nur noch geradeaus über US-Highways. Das war sogar mir zu blöd.

 

Infos zum Heft

Trucker erscheint monatlich im Verlag Heinrich Vogel, der zu den Springer Fachmedien gehört (die nichts mit Axel Springer zu tun haben). Außer Trucker veröffentlicht der Heinrich Vogel Verlag Fachzeitschriften für Bus- und Taxifahrer.

Auf den Markt kam Trucker im Jahr 1979. Von jeder Ausgabe druckt der Verlag laut seinen Mediadaten 2012 knapp 90.000 Exemplare, davon verkauft er ungefähr die Hälfte.

Beschrieben wurde die Ausgabe 3/2012. Sie hat 116 Seiten und kostet 3,70 Euro.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Wed, 07 Mar 2012 01:45:00 -0800 Entdeckt (28): Germany's Next Topmodel - Lange Beine, Langeweile http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-28-germanys-next-topmodel-das-offizi http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-28-germanys-next-topmodel-das-offizi

Achtung, Dauerwerbezeitschrift: Das Magazin zu "Germany's Next Topmodel" berichtet gefühlt mehr über Lippenstifte und Glätteisen als über Models. Beim Casting dürfte das Heft scheitern. Zu dünn, zu teuer, zu wenig Profil.

Topmodelcover

Dass ich das mal behaupten darf: Nein, ich schaue kein ProSieben, ich gucke lieber Arte. Zumindest donnerstags. Wenn Germany's Next Topmodel läuft, zeigt Arte nämlich die großartige dänische Politikserie Gefährliche Seilschaften. Deren Intrigen sind aufregender als das Gezicke Minder- bis gerade Volljähriger. Und optisch verpasse ich weniger, als man denkt. Immerhin recherchiert zwischen den Seilschaften Reporterin Katrine.

Doch auch Heidi Klums Mädchenzirkus buhlt um meine Aufmerksamkeit. Im Fernsehen, im Internet, sogar auf Papier - in Form von Germany's Next Topmodel, dem offiziellen Magazin, das mir neulich in den Einkaufswagen fiel. "Alle Highlights aus 6 Staffeln" verspricht die aktuelle Ausgabe, dazu etwas über die "50+1" neuen Kandidatinnen, "exklusive Model-Tipps von Topmodel Sara Nuru" und vieles mehr. Was kann da schiefgehen?

108.362 Versuche, 15 Karrieren

Jede Menge geht schief. Praktisch alles, was auf dem Titel nett klingt, wirkt im Heft ernüchternd. Die Staffelhighlights bestehen aus einer 18-seitigen Fotocollage. Die Tipps von Frau Nuru klingen beispielsweise so: "Schlaft so viel wie möglich und am besten schon vor 23 Uhr ins Bett gehen." Und von Heidi Klum - immerhin Covergirl und Show-Aushängeschild - habe ich im gesamten Heft kein Zitat gefunden. Dabei posiert sie auf dem Editorial-Foto neben der Redaktionsleiterin. Hätte die Dame Frau Klum nicht irgendetwas Spannendes fragen können? Und mit den neuen Kandidatinnen mehr machen, als ihre Fotos auf ein Poster zu klatschen?

Das Titelthema "Was wurde aus den Models aller 6 Staffeln?" präsentiert sich als Karrierecheck 15 ehemaliger Kandidatinnen. Ein Erfolgsbarometer zeigt, wie gut sie im Showgeschäft unterwegs sind, Sara Nuru und Lena Gercke etwa kommen auf 100 Prozent Erfolg. Auch Rebecca Mir hat Tolles geleistet, wie ein kurzer Text verrät. Unter anderem: "Im Sommer 2011 berichtete sie als Backstage-Reporterin von dem Reality-Format 'Die Alm'". 90 Prozent. Was aus den übrigen 108.347 Bewerberinnen wurde, bleibt offen.

Literweise Modeltränen, genau gezählt

Die exakte Bewerberzahl kenne ich von den "Zahlen zum Staunen". Diese Doppelseite vereint öde Informationen (Wie viele Topmodel-Folgen liefen im TV? Welche Haarfarbe hatten die Finalistinnen?) mit halbwegs interessanten (405 Dosen Haarspray wurden in der sechsten Staffel versprüht). Gefragt habe ich mich beim Lesen allerdings, woher das Heft weiß, dass in den bisherigen Staffeln 6,3 Liter Tränen vergossen wurden. Hockt da immer ein ProSieben-Praktikant mit dem Messbecher daneben?

Ebenso unklar ist mir, warum Germany's Next Topmodel von manchem netten Foto abgesehen kaum über die Models berichtet. Es gibt kein Interview mit einer ehemaligen Kandidatin oder mit jemandem aus der Jury. Es gibt kein Porträt, das über die Karrierechecks hinausgeht. Es gibt keine Reportage vom Casting der neuen Staffel (deren Teilnehmerinnen ja bereits feststehen). So besitzt das Heft zwar die offizielle Germany's-Next-Topmodel-Lizenz, liefert aber eigentlich nur Inhalte, die auch in BILD oder einem Klatschmagazin stehen könnten. Diesem Heft fehlt jedes eigene Profil.

Gutscheine für Fitnessstudio und Diätcoach

Aufgebraucht hat die Redaktion ihre Kreativität vermutlich bei den Produktempfehlungen. Sie prägen die hintere Hälfte des Hefts. Ich habe insgesamt 167 Produkte gezählt, die in Germany's Next Topmodel präsentiert werden, von Lippenstiften über Glätteisen bis hin zu Stiefeln, Hörbüchern und Kopfhörern. Hinzu kommen 16 Gutscheine, etwa fürs Fitnessstudio und einen Online-Diätcoach, sowie einige Verlosungen. Plus die reguläre Heftwerbung. Ich möchte mich nicht festlegen, um was es in diesem Magazin eigentlich geht. Sind die Models die Stars oder doch die Produkte?

Die Rechtfertigungen, warum bestimmte Artikel im Heft vorgestellt werden, empfand ich teilweise als irrwitzig. "Models sind immer unterwegs und reisen", steht über einer Doppelseite mit tragbaren Spielekonsolen und Handys. Also stellt die Zeitschrift "die coolsten tragbaren Begleiter vor, die in keinem Handgepäck fehlen dürfen" - weil sie Stars helfen, sich die Zeit auf langen Flügen zu vertreiben. Ah ja. Nach einer ähnlichen Logik könnte Germany's Next Topmodel Toilettenpapier präsentieren. Angeblich müssen auch Models ab und zu aufs Klo.

So viele Synergieeffekte, dass es nervt

Genervt haben mich im Heft die ständigen Verweise auf andere Zeitschriften des Jahreszeiten-Verlags. Die Petra-Chefredakteurin bewertet die Outfits sieben ehemaliger Teilnehmerinnen. Die Chefredakteurin von Vital stellt Fitnesstrends vor. Die Prinz-Redaktion kennt die coolsten Hotels an vier Traumorten. Dreimal wird auf ein Produkttestportal von Prinz verwiesen. Und es gibt noch drei ganzseitige Anzeigen für Prinz- und Petra-Publikationen. Liebe Jahreszeiten-Blattmacher, Synergieeffekte in allen Ehren: Aber meint ihr nicht, hier übertreibt ihr ein wenig?

Dabei hat die Topmodel-Redaktion Potenzial. Zumindest vom Layout und vom Sprachstil her lässt sich gegen das Heft kaum etwas einwenden. Irritiert hat mich lediglich, dass die Bildunterschriften meistens in der Vergangenheit geschrieben wurden ("Christina passte gut auf ihre Modelmappe auf") - das widersprach meinen Lesegewohnheiten. Interessant fand ich das Model-Bild, das einer der Gutschein-Partner vermittelt. Der Hörbuch-Onlineshop wirbt mit dem Spruch: "Schon mal ein Model mit einem Buch gesehen?"

Germany's Next Topmodel - ein Fazit

Selten habe ich ein Magazin gelesen, das so alibihaft mit Inhalt gefüllt war wie Germany's Next Topmodel. Wo sind die exklusiven Geschichten, die eine offizielle Zeitschrift erzählen könnte? Statt Einblicke hinter die Kulissen liefert das Heft jede Menge irrwitzige Produktempfehlungen und nervige Verweise auf andere Zeitschriften. Immerhin erinnert Germany's Next Topmodel so indirekt an die Fernsehsendung: Wer sich nur deren Werbepausen anschaut, dürfte sich ähnlich langweilen wie ich bei der Lektüre dieses Hefts. Lange Beine allein reichen dann doch nicht.

Werbung gibt es bei den "Gefährlichen Seilschaften" übrigens keine. Und, unter uns: Ein wenig von den Topmodels bekommen auch Arte-Zuschauer mit. Die Show auf ProSieben läuft eine Viertelstunde länger.

 

Infos zum Heft

Germany's Next Topmodel, das offizielle Magazin zur ProSieben-Sendung, erscheint im Jahreszeiten Verlag. Dieser veröffentlicht ansonsten unter anderem das Stadtmagazin Prinz, die Frauenzeitschrift Petra und das Wellness-Magazin Vital.

Erstmals erschienen ist Germany's Next Topmodel im April 2010. Nach Auskunft des Verlags kommt das Heft in einer Auflage von 250.000 Exemplaren auf den Markt.

Beschrieben wurde die Ausgabe März/April 2012. Sie hat 72 Seiten und kostet 3,80 Euro.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Wed, 22 Feb 2012 04:00:00 -0800 Entdeckt (27): Paradies by Helene Fischer - Zum Dauerlächeln verdammt http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-27-paradies-magazin-die-zeitschrift http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-27-paradies-magazin-die-zeitschrift

Helene Fischer sieht gut aus – und ihr Magazin auch. Aber muss "Paradies" die Fans deshalb so langweilen? Die Sängerin verrät darin nur Dinge, die jeder Passant auf der Straße ausplaudern würde.

Paradiesmagazin
Starmagazine begleiten mich schon lange. Mit Elf habe ich eins über meinen Lieblingsklub produziert, den FC Bayern. In den Handel geschafft hat es „Forever Number One!!“ (das Titelbild ist exklusiv hier zu sehen) jedoch nie. Vielleicht lag es an der eigenwilligen Produktionsweise: Fotos kaufen, scannen, ausdrucken, aufkleben, zwei Sätze Text dazu sowie ein paar falsch gesetzte Leerzeichen. Oder daran, wie stark sich meine Artikel dem Fotomaterial unterordnen mussten. Die These, jemand sei kein Modemuffel, weil er ein Fußballcappy trägt (Beweisfoto), erscheint mir im Rückblick jedenfalls gewagt.

Mittlerweile bastle ich keine Starhefte mehr, sondern verfolge nur noch, wie sich die Sparte entwickelt. Dabei stieß ich jüngst auf das Magazin „Paradies“, das den Zusatz „by Helene Fischer“ trägt. Helene Fischer ist eine junge Dame, die in den vergangenen Jahren so ziemlich alles gewonnen hat, was man in der Schlagerwelt gewinnen kann: den Echo, die Goldene Kamera, das Herz von Florian Silbereisen. Außerdem haben Hunderttausende ihre Konzerte besucht. Da ist das eigene Magazin ein naheliegender nächster Schritt. Und die Fans müssen sich fortan keine Frau Aktuell oder Echo der Frau mehr kaufen.

Hochglanzbroschüre voller Belanglosigkeiten

Ein Heft über  Helene Fischer zu machen, ist eine dankbare Aufgabe. Schließlich sieht Fischer gut aus. Das weiß auch die Paradies-Redaktion und packt auf 88 Seiten fast 150 Fotos der Sängerin. Dank dieser Bilder in einem schlichten, luftigen Layout hat mir das Heft sofort gefallen, für ein Starmagazin auf Hochglanzpapier wirkt es schick. Optisch ohnehin eine Wucht: In seinem Großformat übertrumpft es jeden DIN-A4-Konkurrenten. So fühlte ich mich fast cool, als ich diese Schlagerzeitschrift kaufte. Zumindest, bis ich vor allen Kunden nach dem Preis fragen musste. Der ist nirgendwo aufgedruckt. Doch das ist nicht der größte Fehler im Kontext von Paradies.

Den größten Fehler habe ich gemacht. Als ich mir statt Fischers Fotos die Geschichten des Hefts anschaute. Von diesem Moment an konnte ich es mir nicht länger verzeihen, zehn Euro für Paradies ausgegeben zu haben. Denn das Heft ist eine Hochglanzbroschüre ohne nennenswerten Inhalt. Das Meiste, was der Leser darin über Helene Fischer erfährt, sind Belanglosigkeiten. Dass sie auf ihren Reisen nicht auf Tee verzichten will. Dass sie lieber einen Kohlrabi kauft, weil der Weißkohl so viel wiegt. Oder dass sie Musik auf ihrem iPod hört und nicht auf dem Handy. Wow. Im Vergleich dazu wirkt selbst mein 08/15-Großstadtsingle-Leben atemberaubend. Ich kaufe sogar Weißkohl.

Dinge, die jeder Passant verraten würde

Vermutlich unfreiwillig bringt Fischers Fanshop das Problem des Magazins auf den Punkt. In der Heftbeschreibung heißt es dort: „Was gibt es Schöneres als einen bildhaften ‚Rundum-Blick‘ hinter die Kulissen des Showbusiness-Alltags [...]? Wenn man dabei sogar noch erfährt, dass auch der private Alltag der Künstlerin in Harmonie mit dem Business steht?“ Abgesehen davon, dass es sehr wohl schönere Dinge gibt: Ist dieser Alltag „in Harmonie mit dem Business“ nicht der Worst Case für den Leser? Ist ein so beworbenes Heft nicht dazu verdammt, oberflächlich zu bleiben? Dauerlächeln bei Fotoshootings zu präsentieren anstelle von Geschichten, in denen der Mensch Fischer durchscheint?

Die Tendenz des Hefts, von Fischer kaum mehr zu verraten, als jeder Passant spontan auf der Straße von sich preisgeben würde, führt zu teils skurrilen Inhalten. Die als Fotoreportagen angepriesenen Geschichten zeigen Fischer unter anderem beim Radfahren oder beim Einkaufen im Biomarkt. Da schießt der Puls in die Höhe. Wenn man noch nie ein Fahrrad, einen Biomarkt oder eine angezogene Frau gesehen hat. Triviale Handlungen wie die, dass Fischer eine Tasche in den Kofferraum stellt und diesen zumacht, werden in fünf Fotos dokumentiert. Dabei singt Fischer doch selbst: Ewig ist manchmal zu lang.

Keine Spur von Silbereisen

Spannender als das, was im Heft steht, ist das, was nicht drin steht. Florian Silbereisen, mit dem sie seit 2008 liiert sein soll, etwa wird in keiner Zeile erwähnt. Generell hätte es viele Themen gegeben, über die ich gern etwas gelesen hätte: Wie sieht der Terminkalender einer Schlagersängerin aus, wie verbindet sie Privatleben und Promotermine? Wie hat Fischer ihre Kindheit erlebt, nachdem sie aus Russland nach Deutschland gezogen ist? Und, und, und. Am Ende waren drei Kochrezepte und die Skizzen von Fischers Bühnenoutfits die Heftinhalte, die ich am ansprechendsten fand.

Immerhin ist die Sprache der kurzen Artikel ordentlich, vom Gehalt von Fischers Zitaten abgesehen. Von der Sängerin erfährt der Leser vor allem sowas: „Aber egal was passiert – ich werde natürlich so bleiben, wie ich bin.“ Oder sie verrät Intimes wie: „Das Allerwichtigste ist meiner Meinung nach, dass man dabei immer man selbst bleibt.“ Und: „Wichtig ist eben nur, dass man immer authentisch bleibt und sich nicht verstellt.“ Gut zu wissen. Ein Glück, dass die Lektüre dieser Binsenweisheiten nur 30 Minuten dauerte.

Paradies by Helene Fischer - ein Fazit

Helene Fischers Magazin ist ein kurzes Vergnügen. Bei mir endete es, als ich mir außer den Bildern der Sängerin die Geschichten drumherum ansah. Weder die vielen Fotos noch das gute Layout können dauerhaft überdecken, wie oberflächlich dieses Heft ist. Das, was Helene Fischer als Magazin verkauft, ist meiner Meinung nach bestenfalls ein unspektakulärer Bildband. Ein solches Starmagazin, das nur Belanglosigkeiten über die Schlagersängerin verrät, brauchen eigentlich nicht mal ihre Fans.

Letztendlich krankt Paradies also am selben Problem wie einst mein FC-Bayern-Starmagazin: unzählige Fotos, praktisch kein Inhalt. Konsequenterweise wurde zumindest "Forever Number One!!!" nach der ersten Ausgabe eingestellt. Zur miserablen Kritik kam hinzu, dass ich mich anderen Projekten widmen musste. Etwa dem, meinen Eltern zu erklären, warum plötzlich die Farbpatrone leer ist.

 

Infos zum Heft

Paradies by Helene Fischer ist die Tournee-Zeitschrift der Sängerin. Fischer selbst ist im Impressum als Herausgeberin gelistet, konzipiert hat das Magazin der Verlag Heimat 2050. Erstmals erschienen ist Paradies anlässlich der "So wie ich bin"-Tournee im Jahr 2010.

Beschrieben wurde die zweite Ausgabe aus dem vergangenen Sommer. Zunächst wurde das Heft ausschließlich bei Helene Fischers Auftritten im Mai und Juni 2011 verkauft, seit Dezember ist es in identischer Form auch im Bahnhofbuchhandel erhältlich. Laut Auskunft des Fischer-Managements kamen rund 7500 Exemplare in den Handel.

Das Heft hat 88 Seiten, ist anzeigenfrei und kostet zehn Euro.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Wed, 01 Feb 2012 04:00:00 -0800 Entdeckt (26): LARPzeit - Erschreckend unfreakig http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-26-larpzeit-live-rollenspiel-magazin http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-26-larpzeit-live-rollenspiel-magazin

Wissenswertes für Wikinger: "LARPzeit" ist das Leitmedium der deutschen Holzschwertschwinger. Komisch, dass es ausgerechnet diesem Magazin an Kreativität mangelt. Mit Ausnahme seiner Aboprämien.

Coverlarpzeit

Koffer und Stereoanlagen gehen immer. Und Werkzeugkästen. Das ist mein Eindruck, wenn ich mich durch die Aboangebote deutscher Printmedien klicke und dabei manchmal einen Mini-Helikopter ein Zeitungsabo bestelle. Doch der Funkflieger ist nicht der kurioseste Bestechungsversuch der Verlage. Das Greenpeace Magazin etwa bewirbt ein Minenräum-Abo. Dafür, dass man sich einige Ausgaben der Zeitschrift bestellt, sollen sechs Quadratmeter Bosniens sicherer werden. Da wundert sich sogar die Titanic.

Weniger pazifistisch wirkt die Aboprämie der "LARPzeit", einer Zeitschrift mit Wikingerbraut auf dem Titel. Jeder Erwachsene, der sich dieses Heft nach Hause schicken lässt, wird für 90 Euro Zuzahlung mit einer Armbrust belohnt. Die "handliche Minipistole" lasse sich unkompliziert handhaben und leicht unter einem Mantel verbergen, heißt es im Heft. Zudem sei sie "eine gute Wahl für kurze Distanzen". Was ist das für ein Magazin, das seine Abonnenten mit Schusswaffen ködert?

Printheimat der Holzschwertschwinger

Die Antwort steckt schon im Hefttitel - und hilft, das Armbrust-Angebot zu verstehen: LARPzeit ist ein Magazin, das sich mit Live-Rollenspielen beschäftigt. Verkleidet als Wikinger, Ritter oder Zombie treffen sich Menschen bei einem LARP (Live Action Role-Playing Game) mit Gleichgesinnten, um gemeinsam Spaß zu haben; Kämpfe und soziale Interaktion in der Fantasiewelt inklusive. LARPzeit - laut Verlag die "weltweit größte Fachzeitschrift für Live-Rollenspiel" - ist also gewissermaßen das Leitmedium der Freizeitkrieger, die Printheimat der Holzschwertschwinger aus deutschen Kleingärten.

Vielfältig wie die Rollenspielszene präsentiert sich das Heft. Seine thematische Bandbreite reicht vom Stelldichein zahlreicher Asienfans bis zum futuristischen Agentenspiel, von Medientipps bis zur Kolumne, die für mehr Toleranz beim Spielen wirbt. Auf Büchervorstellungen ("Bogenbau für Kinder und Jugendliche") folgen historische Erörterungen, Schinken-Rezepte, eine Bastelanleitung für Lederflaschen (Achtung: nicht für Alkohol geeignet) und ein Veranstaltungskalender. Je nachdem, welche Seite der Heftkäufer aufschlägt, landet er also wahlweise in einem Geschichts-, einem Do-it-yourself- oder einem Servicemagazin.

Von Klingenküssen und Wellenrossen

Die von mir gelesene Ausgabe widmet sich vor allem den Wikingern. Sieben Artikel thematisieren ihr Äußeres und ihre Eigenarten. In einem Text voller Spieltipps erfuhr ich etwa, dass die Nordleute große Freunde der Dichtkunst sind und poetische Umschreibungen mögen. Bei einem nordisch angehauchten LARP empfiehlt es sich laut Heft daher, statt Wunde "Klingenkuss" zu sagen. Und mein Schiff ist im Zweifel ein "Wellenross". Ein weiterer Tipp, falls man mal einem Wikinger begegnet: Bloß nicht den Namen der eigenen Mutter vergessen. Wikinger reden angeblich ständig über ihre Ahnen.

Neben solchen Artikeln, die wohl tatsächlich helfen, sich bei einem Rollenspiel zurechtzufinden, bietet das Heft Veranstaltungsberichte. Leider lesen sich diese ähnlich träge wie die Bilanz des Sportverein-Sommerfests in einer Vereinszeitung. Trotz hunderter Charaktere, trotz Kostümen, trotz Waffen. Meinem Empfinden nach fehlen vielen Artikeln Reportageelemente: Meistens berichtet LARPzeit nämlich gesamtschauartig über die Events, szenische Beschreibungen oder das porträtartige Begleiten eines Teilnehmers sind selten. Auch mit Zitaten ist das Heft viel zu sparsam. So schafft es LARPzeit, eine Kostümfirma vorzustellen, ohne dass ein einziger Mitarbeiter zu Wort kommt. Alles unter dem Titel "Hinter den Kulissen".

Verrückter Ritter sucht Zwergin

Allgemein hätte ich mir mehr Kreativität bei den Textformen gewünscht. Warum durfte ich zum Beispiel nirgends einen unterhaltsamen Originaldialog aus einem Rollenspiel lesen? Wieso hat man keinen Eventbericht in Tagebuch- oder Protokollform geschrieben, nach dem Motto "Samstag, 15.13 Uhr, Lager der Amazonen"? Warum gibt es keinen satirischen, selbstironischen Text? Potenzial für tolle Geschichten bietet das Heftthema doch genug. Und seien es nur die Liebesgeschichten, die vielleicht aus den Kleinanzeigen wie "Verrückter, nicht immer glänzender Ritter (21), sucht Zwergin (18-24)" entstehen. 

Skurril - und damit per se interessant - ist eine achtseitige Zeitung im Heft, die auf raueres Papier gedruckt ist, teilweise in Frakturschrift. Bei der "Stimme des Herolds" handelt es sich um eine Zusammenfassung aktueller Geschehnisse in der fiktiven LARP-Welt. So erfährt der Leser zum Beispiel, wer dort wen geheiratet hat ("Handschuhverlobung im Fürstenhaus Britonias"). Obwohl ich als Szene-Fremder kaum etwas aus dieser Beilage verstanden habe, fand ich sie trotzdem cool. Denn jenen Mut zum Ungewöhnlichen, der in ihr durchscheint, hätte ich mir an viel mehr Stellen des Hefts gewünscht. Immerhin ist LARPzeit ein Fantasy-Magazin.

Ein paar Pünktchen zuviel

Für die Optik des Hefts gilt Ähnliches wie für die Texte. LARPzeit sieht akzeptabel aus, aber weder schick, noch originell. Dank ihres gelblich-braunen Seitenhintergrunds wirkt die Zeitschrift historisch, aber auch bieder. Dass die Qualität der Fotos zwischen ansehnlich und amateurhaft variiert, ist zu verzeihen, da einige Bilder wohl während laufender Rollenspiele gemacht wurden. Und mitten im fernöstlichen Ritual posiert niemand für die Kamera.

Auf Dauer anstrengend fand ich einen kleinen sprachlichen Tick des Hefts: LARPzeit hat die Tendenz, Sätze relativ häufig mit drei Pünktchen zu beenden ... Insofern man das beenden nennen darf ... Vielleicht soll das die Spannung erhöhen ... Man fragt sich, wie der Text wohl weitergeht ... Aber ich finde, dass sich dieser Effekt schnell abnutzt.

LARPzeit - ein Fazit

Für mich hat der Begriff Freak eine positive Bedeutung. Deshalb hatte ich gehofft, LARPzeit könnte ein im besten Sinne freakiges Heft sein, ein mit viel Kreativität und Liebe zum Detail gemachtes Fanmagazin. Ein Heft, das selbst mich als Szene-Fremden für Rollenspiele fasziniert. Diese, zugegebenermaßen hohe Erwartung hat LARPzeit nicht erfüllt. Über weite Strecken wirkt das Heft konventionell, ins Originelle wechselt es nur sporadisch. Mit welch' ausgefallenem Hobby ich mich auseinandersetze, wurde mir beim Lesen selten bewusst.

So bietet LARPzeit aus meiner Sicht lediglich ordentliche Szeneberichterstattung. Darüber hinaus könnte das Heft für LARP-Einsteiger interessant sein. Positiv aufgefallen ist mir als Laie eine Abkürzungstabelle am Heftbeginn, die die Bedeutung einiger LARP-typischer Begriffe erläutert. Wenn jemand einen "Time Freeze" angekündigt, heißt es beim Rollenspiel zum Beispiel Augen zu und dabei summen.

Aus Gründen der Fairness sei zum Schluss noch erwähnt, dass sich LARPzeit natürlich auch ohne Armbrust abonnieren lässt. Zuzahlungsfrei gibt es alternativ eine Prämie, für deren Wahl man sich nicht vor seinen Freunden rechtfertigen muss.

Obwohl? Vielleicht doch.

 

Infos zum Heft

LARPzeit erscheint vierteljährlich im Zauberfeder Verlag. Dieser veröffentlicht außerdem das kostenlose Fantasy-Magazin Zauberwelten sowie Sachbücher über Rollenspiele.

Kaufen kann man LARPzeit im Bahnhofbuchhandel und bei mehreren Dutzend Fachhändlern. Laut Verlag wird jede Ausgabe 5300 Mal gedruckt. Das Heft kam im Juli 2003 auf den Markt.

Beschrieben wurde die Ausgabe 34 aus dem Dezember 2011, der der Katalog eines LARP-Fachhändlers beilag. Sie hat 100 Seiten und kostet fünf Euro. Mit der kommenden Ausgabe steigt der Preis des Hefts auf 5,50 Euro.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Mon, 09 Jan 2012 04:15:00 -0800 Entdeckt (25): Capz - Reise, Kultur und ein Mini http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-25-capz-reise-kultur-und-mini-cooper http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-25-capz-reise-kultur-und-mini-cooper

Inhaltlich solide, optisch super: Das Männer-Reisemagazin "Capz" könnte selbst Reisemuffeln gefallen. Auf 214 Seiten präsentiert es Tiger, Surfer und das Ruhrgebiet. Leider parkt ein Kleinwagen manch schönes Foto zu.

Covercapz

Es gibt interessante Zeitschriften und Autozeitschriften. Kein Thema lässt mich so kalt wie alte und neue Karren. Ein Wagen, den andere Menschen als inspirierend oder gar sexy beschreiben, berührt mich kaum mehr als ein Staubsauger. Der ist potenziell ja auch ein faszinierendes Stück Technik. Ähnlich suspekt wie Autohefte sind mir Reisezeitschriften. Nicht, weil ich Reisen hasse, sondern, weil ich in diesen Monaten einfach keine Lust habe, mir Hochglanzfotos der schönsten und teuersten Hotels Nordafrikas anzusehen. Zudem finde ich es anstrengend, ständig darüber nachzudenken, ob ich gerade einen Artikel oder den PR-Text eines Reiseveranstalters lese. Die Grenzen sind da ja oft fließend.

Wenn ich für dieses Blog also ausnahmsweise ein Reiseheft lese, dann nicht irgendeins. Ich habe nach einem gesucht, das möglichst krass mit den Standards dieses Genres bricht. Damit es für mich nur halb so schlimm wird - oder ganz schlimm. Gelandet bin ich bei "Capz", einem "Reisekulturmagazin". Diese Unterzeile klingt fast bescheiden im Vergleich zum Marketing-Blabla des Verlags, der das Heft als "progressives High-End Reisemagazin" anpreist. Konkreter ist das Werbeversprechen, dass Capz "abseits der üblichen Mainstream-Themen die Welt entdeckt". Ich bin gespannt. Kann mich ausgerechnet dieses selbstgefällige Heft für den Reisejournalismus begeistern?

Die Schönheit reiner Textseiten

Auf den ersten Blick: ja. Optisch ist Capz nämlich beeindruckend (hier kann man das Heft durchblättern). Das fängt an beim schlichten und nicht nur wegen des tiefen Einblicks schicken Cover und setzt sich bei den Seitenlayouts fort. Dort überzeugt das Magazin mit einer einfachen wie prägnanten Typographie, kombiniert mit vielen Fotos, zum Teil im Schnappschuss-Stil. Diese Aufmachung lässt das Heft experimentell wirken, fast wie ein Mode- oder Kunstmagazin, aber auch cool. Ich habe mich dabei erwischt, dass ich sogar eine reine Textseite stylisch fand. Viel Weißraum und zahlreichen Absätzen sei Dank.

Die Capz-Ausgabe "Stranger than Paradise" (bei Rubrikennamen springt das Heft gern ins Englische) gliedert sich in zwei Abschnitte: "Wir sind verzaubert" und "Einen Apfel später". Auf sie verteilen sich die Themen nach einem Prinzip, das mir verborgen blieb. Eventuell hätte ich vorher die Paradies-Erzählung aus der Bibel lesen müssen. Wobei ich bezweifle, dass darin Wohnwagentrips oder Partyurlaube in Göteborg vorkommen. Schlimm ist dieses Chaos im Heft aber ohnehin nicht: Neben schönen Ressortstartseiten bietet Capz dem Querleser viele weitere Einstiege. Und seien es 08/15-Promi-Interviews, etwa mit Filmemacher Woody Allen, 007 Daniel Craig und dem Starkoch Ferran Adrià.

Lose Folge von Anekdoten

Ähnlich ungewöhnlich wie die Zielgruppe von Capz (Männer, im Idealfall reich und ohne Kinder, auf die Rücksicht genommen werden müsste) ist der Stil seiner Reisegeschichten. Sie lesen sich zwar politisch korrekter als etwa im Magazin Vice, wirken aber ähnlich subjektiv. Das bedeutet, wenn ein Capz-Autor auf seinem Städtetrip nur in drei Clubs war und mit drei Leuten gesprochen hat, dann wird meistens auch nur davon erzählt. Was die Stadt sonst noch ausmacht, muss der Leser selbst recherchieren.

Für Capz spricht, dass es nie versucht, die Subjektivität seiner Artikel zu verheimlichen. Das Heft macht sie vielmehr zum Konzept, viele Artikel sind aus der Ich- oder Wir-Perspektive geschrieben. Bei den stichwortartigen Vor-Ort-Tipps, die die Geschichten ergänzen, geht das Personalisieren so weit, dass Sätze vorkommen wie "Sagen Sie [in einer Bar], dass Amber Sie geschickt hat". Nett. Leider funktioniert das puzzleteilartige Präsentieren von Orten nicht immer. Bei einer Geschichte über ein Surfer- und Skater-Viertel von Los Angeles hatte ich zum Beispiel den Eindruck, nur eine lose Folge von Anekdoten zu lesen.

Mix aus Humor und Unsinn

Gelesen habe ich trotzdem fast alle Geschichten. Das liegt an den flotten Vorspännen, die wirklich Lust auf die Artikel machen, und am Sprachstil des Hefts, den ich als angenehm, stellenweise sogar originell empfunden habe. Phrasen oder ungelenke Formulierungen findet man in Capz selten. Irritiert haben mich allerdings manchmal die Bildunterschriften, ein kruder Mix aus Humor und Unsinn. Unter einem Porträt steht zum Beispiel: "So sehen Ikonen aus: Cesare Attolini, wie er eigentlich immer aussieht." Na ja.

Nicht 'Na ja', sondern 'Na super' habe ich mir bei einigen längeren Texten gedacht, etwa bei einem "Paradies"-Essay, das nach fünf Seiten zum ernüchternden Schluss kommt: "Wir sind nicht wirklich schlauer als am Anfang". Oder bei einer Reportage, die dokumentiert, wie ein Capz-Autor nach einem indischen Tiger sucht - und ihn nicht zu Gesicht bekommt. Das kann passieren - doch dann sollte man den Text bitte nicht ausschließlich mit Tigerfotos illustrieren. Das weckt falsche Erwartungen. Lieber hätte ich statt Bildbandaufnahmen Fotos von der an sich unterhaltsamen Abenteuerreise gesehen.

Phrasen vom Dschungelkönig

Überflüssig fand ich einen auf der Titelseite angekündigten Heftabschnitt mit dem Titel "Let's get out of here". In ihm sollen Berliner verraten, wohin sie eigentlich wollen, jetzt, wo alle nach Berlin wollen - so ähnlich suggeriert es der Vorspann. Letztendlich besteht der Informationsgehalt der Geschichte jedoch ungefähr darin, dass Dschungelkönig Peer Kusmagk die Phrasenquote erhöht, weil sein Berliner Restaurant im Winter oft "aus allen Nähten platzt". Glückwunsch. Und schade um die verschenkten acht Seiten, die wie die folgenden zwölf extra auf mattem Papier gedruckt wurden. Sie fühlen sich spannender an, als sie sich lesen. Raus aus Berlin will wohl niemand.

Genervt haben mich an Capz auch die drei "Creative Spaces". Creative was? "Creative Space ist eine redaktionell gestaltete Strecke im Heft [...], deren Grundidee durch den Kunden angeregt und dann individuell von der Capz-Redaktion konzipiert und gestaltet wird. Die Inhalte werden nicht mit dem Kunden abgestimmt", heißt es in den Mediadaten des Hefts. Als unbedarfter Leser würde ich das so interpretieren: Ein Werbepartner darf die Redaktion (mit viel Geld?) dazu anspornen, ein Geschichtchen um ein bestimmtes Produkt zu basteln. Die macht das dann in Form eines Heftabschnitts, den sie nicht als Werbung kennzeichnet, sondern als Creative Space. Seltsames Vorgehen.

Wim Wenders und das tolle 3D

Konkret sieht ein Capz'scher Creative Space etwa so aus, dass Regisseur Wim Wenders über 3D-Technik erzählt - in einem Layout, das sich nur in Nuancen von den normalen Interviews unterscheidet. Dabei sagt Wenders Dinge wie "Ich bin mir ganz sicher: 3D wird sich durchsetzen" und "Auch wenn ich fernsehe, will ich das Programm in eigener Regie machen". Zumindest letzteren Satz kennt der Leser - aus einer Fernseher-Anzeige am Heftanfang, illustriert mit demselben Werbefoto von Wenders. An dessen Gequatsche schließt übrigens der Satz an: "Erleben auch Sie dreidimensionales Fernsehen in Perfektion. Mit dem 3D Home Cinema von Loewe." Bedingt kreativ, dieser Space.

Ein weiterer Pseudoartikel dreht sich um interessante Orte des Ruhrgebiets, die auf zehn Seiten präsentiert werden. Doch eigentlich geht es in der Fotostrecke um etwas anderes: um einen Mini Cooper, der per Steckbrief vorgestellt wird und gleich auf 16 Fotos zu sehen ist, mal in Dortmund, mal in Essen. Liebe Capz-Redaktion, müsst ihr die Karre immer genau im Bild parken oder watt? Ich will den Ruhrpott sehen! Abgesehen von den Creative Spaces und 22 regulären Anzeigeseiten gibt es in Capz noch einige Produkttipps. Von der Weltkarte zum Länder-Freirubbeln bis zur Hängematte, die keine Bäume benötigt, sind die überwiegend gut ausgewählt. Leider hält das Magazin die Preise geheim.

Capz - ein Fazit

Alles in allem hat die Capz-Redaktion eine beachtliche Leistung vollbracht: Sie hat ein Reisemagazin produziert, das sogar ich, der das Genre ablehnt, gern gelesen habe. Obwohl sich die Heftstruktur stellenweise schwer nachvollziehen lässt und manche Geschichten schwach sind, bietet das Magazin eine gute Mischung aus Erlebnisberichten, Reisetipps und Promi-Interviews. Mit seinem subjektiven Erzählstil hebt es sich von anderen Zeitschriften ab.

Mehr Transparenz hätte ich mir bei den Creative Spaces gewünscht. Wenn diese Pseudoartikel schon das Heft aufblähen, dann soll die Redaktion doch bitte "Anzeige" oder etwas ähnlich Konkretes dazuschreiben. Ich fühlte mich als Leser an diesen Stellen wenig ernst genommen. Pluspunkte sammelt das Heft dafür mit seiner Optik: Capz ist eins der wenigen Hefte, die ich gern bei mir rumliegen sehe. Mit zehn Euro ist das Magazin relativ teuer.

Übrigens: Der Verlag von Capz veröffentlicht auch ein Automagazin. Pardon, ein Autokulturmagazin. Das lese ich dann irgendwann mal. Wenn ich Lust habe auf ein - Zitat aus der Werbebroschüre - "opulent-lustvolles Coffee-Table-Car-Book". Kennt jemand eigentlich eine Staubsaugerzeitschrift?

 

Infos zum Heft

Capz erscheint halbjährlich in der Reutlinger Red Indians Publishing GmbH & Co. KG. Sie veröffentlicht außerdem die Zeitschriften Ramp und Rampstyle, die sich in ähnlichem Stil mit Autos und Männerthemen im Allgemeinen beschäftigen.

Auf den Markt kam das Heft im November 2010, damals unter dem Namen "Gapz". Dieser wurde ein Jahr später geändert, möglicherweise aus markenrechtlichen Gründen. Laut den neuesten Mediadaten wird jede Capz-Ausgabe 50.000 Mal gedruckt. Das Heft ist unter anderem an Bahnhöfen und Flughafen erhältlich. 

Beschrieben wurde die Ausgabe 3 aus dem Herbst 2011. Sie hat 214 Seiten und kostet zehn Euro.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Mon, 19 Dec 2011 03:23:00 -0800 Eigenwerbung (1): Wach - Ein kleines Nachtmagazin (und die Chance, mal mein Heft zu verreißen) http://kioskforscher.posterous.com/eigenwerbung-1-wach-ein-heft-uber-die-nacht http://kioskforscher.posterous.com/eigenwerbung-1-wach-ein-heft-uber-die-nacht

Rollentausch: Anstatt über Magazine zu meckern, habe ich ausnahmsweise selbst eins gemacht - mit meiner Klasse an der Journalistenschule. "Wach" erzählt Geschichten aus der Nacht. Und darf gern verrissen werden.
[Update 16.1.2012: "Soft-Porno-Pop" und andere Reaktionen] 

Coverwach_kopie

Ja, ich hätte "Wach" einfach auf meinen Nachttisch legen können, ohne in diesem Blog ein Wort darüber zu verlieren. Doch das schien mir unmöglich. Erstens, weil ich keinen Nachttisch habe. Zweitens, weil es unfair wäre, zu verschweigen, dass ich jetzt selbst unter die Magazinmacher gegangen bin. Dafür habe ich bereits zu viel über Zeitschriften geschimpft und zumindest zwischen den Zeilen suggeriert, ich könnte das bestimmt viel besser. Dann, wenn ich vom aufmerksamen Leser zum hasserfüllten Kritiker mutierte.

Als Teil meiner Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule (DJS) saß ich nun also selbst in einer Chefredaktion - in der unseres Abschlussmagazins, neben meiner Klassenkameradin Sarah Schmidt. Zusammen tragen wir die Hauptverantwortung für Wach, ein monothematisches Heft über die Nacht, das in ähnlicher Form vielleicht auch am Kiosk liegen könnte. Wach wird zwar nicht verkauft, aber an die Sponsoren und Absolventen unserer Schule verschickt, die jedes Jahr drei solcher Magazine erhalten. Hier kann man das Heft komfortabel am Monitor durchblättern, den PDF-Download gibt es hier.

Wachnoir

"Über den Tag ist alles erzählt"

Weshalb meine Klasse ein Heft zum Thema Nacht gemacht hat? Weil es so etwas bisher fast noch nie gegeben hat. "Über den Tag ist alles erzählt. Willkommen in der Nacht" lauten daher die ersten Worte des Editorials. Meine 14 Mitschüler und ich fanden, dass es an der Zeit ist, endlich mal Geschichten aus der aufregenderen Tageszeit zu erzählen: die von Heinrich Gudorf etwa, einem 80-jährigen Rentner, der eine Strichliste über seine Technopartys führt. Und die von Peter L., der im Morgengrauen mit seinem Gewehr auf die Jagd geht - auf dem Friedhof.

Außerdem gab es da noch ein paar Fragen, die wir immer mal beantwortet haben wollten: Was empfindet ein Pilot auf seinen Nachtflügen? Wie träumen blinde Menschen? Was lässt sich mit den Essensresten anfangen, wenn man morgens betrunken nach Hause kommt? Das und viel mehr steht in Wach: auf 76 Seiten, in drei Heft- beziehungsweise Nacht-Abschnitten namens "Eintauchen", "Untergehen" und "Auftauchen".

Wachfotostrecke
Einladung zum Gegenangriff

Nun aber genug der Werbung. Dass ich das Heft als Chefredakteur gut finde ("unverbrauchte Themen", "schicke Optik", "passender Sprachstil", "coole Gastautoren wie Airen", "zum Glück keine Verlegenheitsanführungszeichen" und so), ist naheliegend. Gern möchte ich aber erfahren, wie unvoreingenommene Leser über Wach denken. Was ist am Magazin gelungen? Was nervt? Ist vielleicht das ganze Konzept dieses Nachthefts ermüdend?

In meiner Rolle als Kioskforscher will diesen Blogbeitrag natürlich auch als Einladung verstanden wissen: als Einladung zum Gegenangriff auf mich, den Heftkritiker. Liebe Coupé-, Maxim- oder Premius-Macher, nachdem ich mir eure Hefte vorgenommen habe, habt ihr jetzt die Chance, eins zu verreißen, für das ich mitverantwortlich bin. Wer austeilt, sollte nämlich auch einstecken können. 

 Natürlich freue ich mich aber auch über Feedback von Menschen, die nicht bei mir suspekten Zeitschriften arbeiten. Einfach unter diesem Beitrag kommentieren oder eine Twitter-Nachricht, eine E-Mail, einen Brief oder sonstwas schicken. Ich freue mich auch, wenn nur ein Satz drinsteht, etwa: "Ich denk' beim Heftnamen sofort an die Zeugen Jehovas." Soll ja vorkommen.

 

Wachjager
Mehr Wach im Web

Übrigens: Wem die Idee des Nachtmagazins gefällt, der sollte sich den Redaktionsblog des Projekts anschauen. Mit Making-ofs der Heftgeschichten und Redaktionsporträts lenkt dieses Blog ab sofort vom Warten auf eine weitere Wach-Ausgabe ab. Diese erscheint Ende März - ausschließlich online, in multimedialer Form. Und auch die Redaktionsstruktur wechselt: Bei Wach 2 darf ich statt Chef mal wieder Reporter spielen.

 

Infos zum Heft

Wach ist ein Magazin der Deutschen Journalistenschule (DJS). Es entstand zum Abschluss der Print-Ausbildung der Klasse 49B, die aus 15 Journalistenschülern besteht. Infos zu meinen Mitschülern gibt es hier.

Das Budget für das Heft betrug rund tausend Euro, die Produktionszeit fünf Wochen. Beraten und bisweilen praktisch unterstützt wurden wir von Jan Weiler ("Maria, ihm schmeckt's nicht"), dem Spiegel-Fotografen Wolfgang Maria Weber, dem Journalistentrainer Christian Bleher und der Layouterin Jennifer Kalisch. Beim Online-Auftritt hilft uns Maximilian Gaub.

Wach ist schon seit Juli fertig; dass das Heft erst jetzt zu Weihnachten gedruckt wurde, ist der DJS-Jahresplanung geschuldet. Die Auflage des Hefts liegt bei 3200 Exemplaren, es wird an Freunde und Förderer der Schule verschickt. Wach hat 76 Seiten.


Update 16.1.2011: "Soft-Porno-Pop" und andere Reaktionen

Mittlerweile hat unsere Klasse übrigens einige Rückmeldungen zum Heft bekommen, positive wie negative. So ärgert sich zum Beispiel die ehemalige Journalistenschülerin und TV-Journalistin Christine Olderdissen über unsere Modestrecke (nachzulesen als Gastbeitrag in unserem Blog): "Für mich ist das Soft-Porno-Pop, weil solche Bilder die Fantasiewelten hochklassiger Männermagazine bedienen."

Eine ausführliche Rezension des Magazins hat mir netterweise Fritz Schumann geschickt, selbst Autor und Fotograf. Sein Fazit lautet: "Wach ist ein Magazin, das sich noch nicht gefunden hat. Man findet Versatzstücke aus diversen Genre-Vertretern, die nur teilweise funktionieren. Die Fotos hängen den sehr guten Texten hinterher, die allerdings stark genug sind, um nicht darunter zu leiden. Das Cover bestätigt den Eindruck, dass das Blatt betont ungewöhnlich sein möchte. Seine Zielgruppe sucht Wach noch, doch wenn es seine Stärken weiter ausbaut, wird das Blatt sie auch finden."

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Mon, 12 Dec 2011 02:59:00 -0800 Entdeckt (24): Western Mail - Nashville für nebenbei http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-24-western-mail http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-24-western-mail

Irgendwo da draußen existiert sie, die deutsche Countryszene. Die "Western Mail" ist ihr Selbstvergewisserungsorgan. 'Ja, es gibt uns noch', lautet die Botschaft an die Popwelt. Es empfiehlt sich, das Heft unaufmerksam zu lesen.

Coverwesternmail
Musikalisch war meine Jugend eine einzige Sünde. Meine erste selbstgekaufte Single - Aaron Carters "Crush on you" - mag man mir verzeihen, schließlich war ich so jung wie der Sänger. Doch die folgenden Jahre bringen mich in Erklärungsnot. Man kann sich als Pubertierender einmal auf ein Scooter-Konzert verlaufen. Aber dreimal? Warum stand in meinem CD-Regal kein Album von Nirvana oder Oasis, sondern "How much is the fish?"? Hätten mir meine Eltern statt des Rauchens nicht den Kirmestechno verbieten können?

Nun ist es zu spät, sich zu schämen. Aber meine Vergangenheit hat auch etwas Gutes: Dank ihr kann ich heute sogar Schlager- und Reggae-Zeitschriften lesen, ohne dass sich meine Freunde wundern. Sie sehen das als Teil meiner musikalischen Resozialisierung. Mein neuester Therapieschritt ist die Lektüre der "Western Mail", einer "Fachzeitschrift für Country- und Western Kultur". Ein spannend klingendes Blatt, für gerade mal 2,50 Euro.

Keine Spur vom Wilden Westen

Leider braucht es nur ein Durchblättern bis zur ersten Enttäuschung: Für eine Western-Zeitschrift präsentiert sich die Western Mail extrem bieder. Der aufregendste Inhalt ist ein Bild Winnetous mit seiner Silberbüchse. Keine Spur vom Wilden Westen, von Kutschen, Galgen oder hübschen Bardamen. Stattdessen ist das Heft ein Countrymusik-Servicemagazin, vollgestopft mit Konzerttipps, Charts und CD-Besprechungen.

Ihre "Country Music Kompetenz", visualisiert durch einen Stern auf dem Cover, versteckt die Zeitschrift streckenweise recht gut. Ich muss sie oft überlesen haben. Womöglich manifestiert sie sich aber auch in alles- und dadurch nichtssagenden Urteilen wie diesem: "Seine Lieder sind kreativ und eigenständig, lebendig, erfüllt von Humor, Ironie, Intelligenz und gebrochenen Herzen mit Wahrheit und Schönheit." Oder in den Adjektiven "ehrlich", "traditionell" und "modern", mit denen viele Alben beschrieben werden.

Aufmerksames Lesen wird bestraft

Durch das häufige Erwähnen von Events wie Fernsehübertragungen und Fantreffen wirkt die Western Mail wie ein Selbstvergewisserungsorgan für Countryfans. Ein Heft mit der Botschaft 'Ja Leute, unsere Szene existiert noch' - im US-amerikanischen Nashville, dem Zentrum der Countrymusik, aber auch auf dem deutschen Dorf. Selbst für Orte wie Wunstorf-Mesmerode und Heiligenberg-Hattenweiler gibt es in der Western Mail Ausgehtipps. Doch genauso denkt die Redaktion in größeren Dimensionen: Das Editorial endet mit den Worten "Global Peace trough Country Music".

Frustriert hat mich an der November-Ausgabe, dass sie aufmerksames Lesen bestraft - mit Wiederholungen. So erfuhr ich im 32-seitigen Heft zwei Mal, dass 3Sat die Sendung "Country Roads" einstellen will. Auch die Meldung, dass der "Westernreiten 2012"-Kalender erschienen ist, fand die Redaktion wohl so bahnbrechend, dass sie diese doppelt abgedruckt hat - wortgleich als Neuigkeit und Buchtipp. Und dass bald die Country Music Messe stattfindet, wird mir mit vier Anzeigen eingehämmert, hinzu kommt eine Meldung.

Bleiwüsten und Phrasen

In diesem Kontext wirkt es besänftigend, wenn sich Informationen nur innerhalb eines Textes wiederholen, in Satzfolgen wie dieser: "Mit großer Zuneigung [...] fragte Mama Jewell ihren Sohn Buddy, ob er nicht einige ihrer Lieblingsgospelsongs aufnehmen könnte. 'Meine Mutter Eva hat mich immer mal wieder gefragt, ob ich nicht einige Gospels für sie aufnehmen könnte', sagt Buddy". Bei Coverstar Buddy Jewell setzen sich die Wiederholungen sogar optisch fort: Auf allen drei Fotos im Heft schaut er exakt gleich (hier der Fotobeweis).

Von der Gestaltung her erinnert die Western Mail an einen Saloon: Sie ist nicht schick oder originell, aber man findet sich zurecht. Entspannen konnte ich beim Lesen trotzdem selten. Die Spalten sind oft zu breit und einigen Artikeln hätten zusätzliche Absätze gut getan. Zwischenfazit: Liebe Western Mail, das Anlegen von Bleiwüsten ist vermutlich die schlechteste Möglichkeit, um Western-Assoziationen zu wecken.

Lieber Karl May lesen

Sprachlich ist das Heft erträglich, abgesehen von den aus Nager & Co bekannten Verlegenheitsanführungszeichen ("live" spielen; im "Scheinwerferlicht" stehen) und manchen Phrasen ("getanzt, was das Zeug hält"). Im Zweifel würde ich jedoch lieber Karl May lesen. Dort wird zumindest nicht so optisch störend gegendert: "Also, es war für jeden/jede etwas dabei".

Obwohl ich die Western Mail schon als Servicemagazin bezeichnet habe: An vielen Stellen des Hefts hätte ich mir noch mehr Service erwartet. Mir ist es zum Beispiel zu wenig, wenn man eine Tanzchoreographie in Textform abdruckt, ich hätte mir einige Grafiken zur Schrittfolge gewünscht. Für die etwas taktloseren Leser wie mich. Und wenn die Western Mail über Country-CDs aus Australien berichtet, dann fände ich es nett, wenn sie die Preise von Australischen Dollars in Euro umrechnet.

Western Mail - ein Fazit

Die Western Mail ist eine Zeitschrift, die mir nur beim oberflächlichen Lesen gefiel. Je mehr ich mich auf den Inhalt konzentrierte, umso mehr begannen mich Kleinigkeiten zu nerven: von den doppelten Meldungen bis zu den unnötigen Anführungszeichen. Am praktischsten erscheint es mir daher, das Heft einfach als Country-Terminkalender zu verstehen - und die Texte als Bonusmaterial. Dann macht die Western Mail ihre Sache gut. Und gibt dem Countryfan immer noch die Gewissheit, dass er nicht allein ist mit seiner Leidenschaft.

Zur Countrymusik konnte mich das Heft übrigens nicht bekehren. Und es kam noch schlimmer. Als ich in einem unkontrollierten Moment nach 'Country' und 'Scooter' googelte, stieß ich auf etwas, was meine aktuelle Lektüre und die Vergangenheit eindrucksvoll verband: eine Countryversion von "How much is the fish?", gesungen von der Frontfrau von Mr. President. Danach musste ich zur Beruhigung erstmal Oasis hören.

 

Infos zum Heft

Western Mail erscheint elf Mal jährlich im Ber Verlag, der meiner Recherche nach keine weiteren Zeitschriften veröffentlicht. Die Druckauflage des Hefts liegt laut Impressum bei 16.500 Exemplaren. Western Mail erscheint seit 1987. Erhältlich ist das Heft im Bahnhofsbuchhandel und auf Flughäfen.

Beschrieben wurde die Ausgabe 11/2011. Sie hat 32 Seiten und kostet 2,50 Euro.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Sun, 20 Nov 2011 06:15:00 -0800 Entblättert (1): Schlagzeilen - "Der Spiegel unter den Erotikmagazinen" http://kioskforscher.posterous.com/entblattert-1-schlagzeilen-der-spiegel-unter http://kioskforscher.posterous.com/entblattert-1-schlagzeilen-der-spiegel-unter

Quälende Fragen, fesselnde Antworten: Mit Matthias Grimme, dem Chef des Sadomaso-Blatts "Schlagzeilen", habe ich über Kitsch und Klischees diskutiert. Warum die neueste Ausgabe frei von Peitschenstriemen ist? Zufall.

Grimmecover
Es hat etwas von Routine und Routine nervt: Immer wieder kaufe ich mir für dieses Blog offenkundig komische Magazine und echauffiere mich anschließend in Tausenden von Zeichen darüber, wie komisch sie doch sind. Mit der Meinungsfreiheit und einer gewissen Beklopptheit meinerseits lässt sich das rechtfertigen. Doch bei fast jedem Artikel bleibt offen, was die Heftmacher zu ihrer Verteidigung zu sagen hätten. Das soll nicht immer so sein: Für diese Blattkritik habe ich mich mit Matthias Grimme verabredet.

Grimme, 58, ist vieles und das schon lange: Autor ("Das SM-Handbuch" und "Das Bondage-Handbuch"), Fotograf und Performance-Künstler. Und er ist Zeitschriftenmacher. Seit über 20 Jahren arbeitet er bei Schlagzeilen, dem bekanntesten BDSM-Magazin. Das Schlagwort BDSM vereint sexuelle Spielarbeiten wie Bondage & Discipline, Dominance & Submission und Sadism & Masochism  - also praktisch alles vom Fesseln bis zum Auspeitschen. Abgekürzt spricht man meistens von SM. Als Gesprächsgrundlage habe ich mir die Ausgabe 118 dieses Magazins gekauft.

Apropos Magazin: Das Gespräch zwischen Grimme und mir dauerte nur wenige Minuten, dann verriet er mir, dass auch er gern Zeitschriften liest. Die Scheiße-Ausgabe der Dummy etwa. Oder die Neon seiner Gespielin. Das überraschte mich mehr als die Holzbalken mit Seilhalterungen in seinem Schlafzimmer. Hätte die Neon-Redaktion gewusst, dass ihr Heft auch von erfahrenen SMlern gelesen wird - wie viel aufregender hätte dann ihre "Und, wie war's?"-Geschichte werden können?

Man weiß es nicht. Ich habe mich mit Grimme nur über seine Zeitschrift unterhalten.

Kioskforscher: Herr Grimme, normalerweise beschränken sich meine masochistischen Neigungen darauf, dass ich seltsame Zeitschriften wie Nager & Co lese. Glauben Sie das reicht, um Ihr Heft gut zu finden?

Matthias Grimme: "Meine Erfahrung ist, dass unser Magazin auch für SM-Unbedarfte gut lesbar ist. Sie können zwar meistens wenig damit anfangen, aber regen sich auch nicht darüber auf. In der Schlagzeilen-Redaktion hatten wir immer den Anspruch, das Heft so zu machen, dass wir es unseren Müttern zeigen können. Und dass die Mütter es dann - abgesehen vom Thema, mit dem sie nicht so viel anfangen können - irgendwie cool finden. Es ist ja ein seriöses Magazin."

Seriös ist vielleicht übertrieben. Aber ich muss zugegeben, dass ich mir mehr innere Distanz zum Heft erwartet hatte. Schlagzeilen las sich relativ schmerzfrei, beim Durchblättern stockte ich selten. Das Cover gehört zu den verwegensten Motiven, thematisch erwartbare, aber für mich grenzwertige Fotos, etwa mit Peitschenstriemen, fehlen. Und auch die Unterleiber sind immer brav verdeckt. Gehört das zum Konzept oder habe ich eine harmlose Herbstausgabe erwischt?

"Das liegt an der aktuellen Ausgabe. Wenn's zur Geschichte passt, sind auch krassere Motive erlaubt, als die diesmal gezeigten. Ein gestriemter Arsch taucht immer mal wieder im Heft auf. Beschränkungen haben wir eigentlich nur durch den Jugendschutz. Wir dürfen etwa keine erigierten Penisse und keine gespreizten Schamlippen zeigen. Eine Möse gibt es natürlich mal zu sehen. Dass in diesem Heft keine drin ist, ist Zufall."

Überrascht hat mich der hohe Textanteil Ihrer Zeitschrift: Es gibt neun längere SM-Geschichten, dazu Medientipps, Kontaktanzeigen und viele reflektierende Texte über die Szene. Sollte die Playboy-Ausrede "Ich lese das wegen den Artikeln" auch bei Ihrem Heft funktionieren?

"Wir haben uns seit jeher als 'Spiegel' unter den Erotikmagazinen verstanden. Das bedeutet: Die Bilder in unserem Heft sollen illustrieren, aber nicht im Vordergrund stehen. Die Sprache ist das Wichtige. Nach dieser Devise füllen wir das Heft, packen ernste Artikel neben Geschichten, die auch mal nur geil sein dürfen. Wichtig ist die Mischung und, dass uns immer wieder Neues einfällt. Wir können ja nicht ständig über SM-Praktiken berichten; nach über hundert Ausgaben wurden die dann doch alle mal behandelt, obwohl es deutlich mehr gibt als beim Blümchensex."

In den Kurzgeschichten Ihres Hefts wird geschlagen, gewürgt und gefesselt. Man könnte meinen, im Sinne der Geilheit sei alles erlaubt. Gibt es Geschichten, die Sie nicht abdrucken, weil sie Ihnen zu krass sind?  

"Es kommt selten vor, dass ich einen Text ablehne, weil er zu brutal ist. Eigentlich bin ich sogar etwas irritiert, wie sanft unsere Geschichten geworden sind. Die waren früher härter. Was ich aus Prinzip ablehne, sind Geschichten, in denen ein gewaltsamer Tod im Vordergrund steht oder die, in denen es nur um billigste Herabwürdigung geht. Einen Text, in dem sich Minderjährige an SM-Praktiken beteiligen, würde ich genauso wenig drucken."

Eine Geschichte, in der ein Polizeiausbilder eine Polizistin gewaltsam fesselt, um sich dann mit ihr zu vergnügen - sie hat sich insgeheim genau das gewünscht -, endet abrupt mit einem Moralabsatz: „Das Spiel mit der Gewalt ist daher immer mit Vorsicht zu genießen und vom Ernst zu unterscheiden“.

"Manchmal versuchen wir, den Texten mit dem letzten Absatz die Schärfe herauszunehmen. Dann endet die Geschichte eben mal nachdenklich oder die Hauptfigur wacht auf und es wird klar, dass alles Beschriebene nur ihr Traum war. Wen so ein Ende zu sehr abtörnt, der soll sich den letzten Absatz einfach wegdenken. Dann hat er seinen Wunschschluss."

In einer älteren Selbstbeschreibung des Heftes heißt es: "Viele der veröffentlichten Texte erfüllen den Tatbestand, in erster Linie Kunst zu sein". Ich würde das Wort Kunst mit Klischee ersetzen. Bei der Geschichte mit der jungen Frau, die nachts allein über den Friedhof spaziert, ist doch sofort klar, dass ihr dort etwas passiert. Und dann erst der Schuljunge, den die strenge Lehrerin für vergessene Hausaufgaben bestraft.

"Bei unseren Geschichten ist es immer ein Drahtseilakt zwischen Anspruch und Klischee. Ich gebe zu, das Setting ist manchmal klischeehaft - die Sprache jedoch nicht. Das ist das Besondere an Schlagzeilen. Bei uns liest man keinen Text nach dem Motto 'Sklavenhintern hart bestraft'. Das sind alles gut geschriebene Erzählungen."

Gut geschrieben? Stellenweise hatte ich das Gefühl, Ihr Heft will mich bewusst quälen. Mit Nonsens-Dialogen wie: „Du bist wach?“ - „Nein, ich schlafe noch.“ – „Ach so.“ Oder mit Formulierungen wie der „Fontaine an Liebesperlen", die "in der Tropfsteinhöhle für Romantik" sorgt. Das toppt an Kitsch so manchen Groschenroman.

"Die Grenze zwischen Kitsch und Romantik ist doch fließend. Und Romantik kommt gut an bei unseren Lesern. Schon in den Achtzigern hat Buchautorin Ulrike Haider angemerkt, Sadomasochisten seien wohl die letzten Romantiker. Ich glaube, das stimmt. Der ganze SM-Kram läuft für viele Leute nur mit einem gewissen romantischen Hintergrund. Es geht zwar vordergründig um Berührung, beispielsweise durch Schläge oder durch ein enges Seil. Doch was berührt werden soll, liegt gar keine zwei Etagen tiefer. Eigentlich berührt werden soll das Herz."

Ja?

"Okay, so wie ich das formuliert habe, klingt das auch kitschig. Aber so ist es. Und zu den Dialogen: Bei uns haben die Autoren künstlerische Freiheit. Wir wollen keinem Schreiber in den Text hineinpfuschen, dafür nehmen wir in Kauf, dass nicht jede Stelle perfekt klingt. Wir drucken sogar Artikel in alter Rechtschreibung, wenn sich ein Autor das wünscht."

Was mir an Schlagzeilen gefallen hat – auch wenn sich mancher Gedanke doppelte – waren die kurzen Essays zu den beiden Schwerpunktthemen, "SM im Urlaub" und "SM – Spiel oder Ernst?". In einigen Beiträgen schwingt ein Hauch Ironie mit, andere wirken fast intellektuell. Von wem bekommen sie diese Texte?

"Für uns schreibt eine Mischung aus professionellen Schreibern und Hobbyautoren - die Geschichten wie die ernsten Artikel. Gerade bei den Schwerpunkten ist es aber schwierig, fünf bis acht vernünftige Texte zu einem Thema zu bekommen. Da muss manchmal eine Freundin von mir ran und schnell noch was schreiben. Allgemein ist der Großteil unserer Autoren weiblich. Und tendenziell schreiben uns eher Autoren, die Erfahrungen in der devoten, also der unterwürfigen Rolle gemacht haben, als solche, die lieber die dominante Rolle einnehmen."

Unter den Texten stehen meistens die Vornamen der Autoren, manchmal auch nur Pseudonyme. In wie weit kann man heutzutage in der Öffentlichkeit zu seinen SM-Neigungen stehen?

"Das kommt auf das Lebensumfeld an. Für einen Pfarrer ist ein Outing nach wie vor nicht so der Bringer. Dasselbe scheint für Leute zu gelten, die im hochdotierten Bereich arbeiten - zumindest trauen sie sich nicht. Auch unter den Prominenten gibt es praktisch niemanden, der mit solchen Neigungen einfach easy umgeht. Ich kenne zum Beispiel Kabarettisten, die auf Szenepartys gehen, das aber nie öffentlich zugegeben würden. Für viele ist es nach wie vor ein Tabuthema. Unsere Schreiber können sich aussuchen, unter welchem Namen sie veröffentlichen. Diese Option ist wichtig, denn ich vermute mal, die meisten Mütter würde es schocken, wenn sie zufällig herausfinden, dass die Kindergärtnerin ihres Sohnes für ein SM-Magazin schreibt. Die Standardfrage unserer Neukunden lautet übrigens: 'Ist das Heft auch neutral verpackt?' Ist es."

Stichwort Outing: Bei den Leserbriefen veröffentlichen Sie einen Text, in dem jemand schildert, wie er einmal seinen Hodenring nicht mehr aufbekam. Ich frage Sie als ausgebildeten Sozialpädagogen: Hat so ein Abdruck einen pädagogischen Wert oder dient er nur der Unterhaltung? Wie eine öffentliche Demütigung wirkt auch die Zuschrift eines Lesers, der mitteilt, dass er sich das Heft künftig nicht mehr leisten kann.

"Die Geschichte mit dem Ring fand ich einfach nur lustig. Bei den Leserbriefen drucken wir im Prinzip alles ab, was wir witzig oder spannend finden. Oder Briefe von jemandem, der unser Heft richtig gut oder richtig schlecht findet. Einen sozialpädagogischen Ansatz gibt es dabei nicht, sehr wohl aber für das Magazin als Ganzes: Nach über 20 Jahren fühle ich mich für die Szene, in der ich mich aufhalte, ein Stück weit verantwortlich. Deshalb plädiert das Heft stets für die Basics im Umgang miteinander: Spaß haben, Respekt voreinander, den Partner ernst nehmen. Obwohl diese Werte eigentlich überall gelten sollten, werden sie leider nicht von jedem aus der Szene gelebt. So hat das Heft schon etwas Erzieherisches. Zumindest zwischen den Zeilen."

Immerhin tut das Heft was für Allgemeinbildung und Gesundheit. Man lernt, dass es laut Duden entweder 'die' oder 'das' Bondage heißt. Und seine Augen kann man auf einer Doppelseite mit schwarzer Schrift auf Dunkelrot trainieren. Das alles hat jedoch seinen Preis. Sollte man die knapp 15 Euro nicht lieber in ein Paar künstliche Brustwarzen mit schwingenden Bommeln investieren, das der mitgeschickte SM-Katalog bewirbt?

"Heft oder Spielzeug, das lässt sich so pauschal nicht sagen. Aber, wenn ich mir das an dir so vorstelle: Kauf lieber das nächste Heft."

Herr Grimme, herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Infos zum Heft

Schlagzeilen erscheint sechs bis sieben Mal jährlich im Charon-Verlag, der neben Magazinen und Büchern aus der SM-Welt dazu passendes Sexspielzeug verkauft. Matthias Grimme ist Mitbesitzer dieses Verlags. Obwohl Schlagzeilen weder indiziert, noch ab 18 Jahren ist, ist das Heft für Minderjährige eher ungeeignet - im Impressum findet sich ein entsprechender Hinweis der Redaktion.

Kaufen kann man das Heft online, im Erotikfachhandel sowie in SM- und Fetischshops. Dem Bahnhofbuchhandel sei das Heft "zu heiß", sagt Grimme, deshalb werde es dort nicht vertrieben. Die gedruckte Auflage beträgt laut Grimme rund 3500 Exemplare, davon wird ein Drittel der Hefte im Abonnement verkauft. Auf den Markt kam Schlagzeilen 1988.

Im Interview geht es um die Ausgabe 118. Sie hat 96 Seiten und kostet 14,90 Euro.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Sun, 30 Oct 2011 00:31:00 -0700 Entdeckt (23): Rodentia - Nager & Co - Zeigt doch mal die Zitzen http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-23-rodentia-nager-co-zeigt-doch-mal http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-23-rodentia-nager-co-zeigt-doch-mal

Welcher Klee verursacht Kaninchen-Flatulenzen? Wer schnauft im Kompost? Und wie passen 24 Zitzen auf einen Mäusebauch? Zumindest zwei dieser bewegenden Fragen beantwortet das Tiermagazin "Rodentia - Nager & Co".

Coverrodentia

Ein kleines Kaninchen-Trauma hat noch keinem geschadet. So bereue ich es nicht, schon in jungen Jahren, vermutlich aus Versehen, "Unten am Fluss" gesehen zu haben, einen der besten, aber auch krassesten Tierfilme. Was dank Zeichentrick zunächst harmlos aussieht, entpuppt sich stellenweise als verkappter Splattermovie, in dem sich die Kaninchen gegenseitig zerfetzen. Mich als Streichelzoo-Gänger hat das seinerzeit ziemlich schockiert. Immerhin begriff ich dank "Unten am Fluss", warum die Kaninchen aus "Als die Tiere den Wald verließen" ständig in Panik gerieten - sie mussten diesen Film kennen.

Es war also ein Gemisch aus Neugier und Nostalgie, das mich bewog, ausgerechnet ein "Kleinsäuger-Fachmagazin" zu kaufen. Hinzu kam das Titelbild von "Rodentia - Nager & Co", das zwischen Mode- und Computerzeitschriften hervorstach. Eine Ratte sieht man in Zeitschriftenläden sonst höchstens hinter dem, nicht aber im Regal. Mich faszinierte ihr Anblick, die Unberechenbarkeit, die sie ausstrahlt. Wird sie gleich den Fotografen angreifen oder ängstlich auf den Kölner Stadt-Anzeiger pieseln? Ich habe keine Ahnung. Und während ich darüber nachdachte, war ich plötzlich 5,50 Euro ärmer.

Neues aus der Nagerwelt

Nager & Co startet mit einigen Meldungen, etwa "Kleinsäuger als Radaubrüder". Dieser Text berichtet von Bewohnern der Kleinstadt Soltau, die die Polizei riefen, weil sie aus einem Garten "verdächtige Schnaufgeräusche" gehört hatten. Uiui. Die Beamten fanden schließlich heraus, dass sich ein Igel in einem Komposthaufen versteckte (nicht etwa ein erkälteter Massenmörder). Später ("Kaum war hier Entwarnung gegeben") mussten die Polizisten dann erneut ausrücken, wegen "verdächtiger Klopfgeräusche". Und wieder war es ein Igel. Ungeheuerlich. Und fast so bewegend wie die nächste Nachricht: "Meerschweinchen ausgesetzt und qualvoll verendet." In Heppenheim.

Abgesehen von Rubriken wie Kleinanzeigen und einem Stammtisch-Kalender besteht das Heft vor allem aus Ratgebergeschichten. Der Leser erfährt zum Beispiel, welchen Grund es haben kann, dass ein Chinchilla dem anderen auf den Rücken sabbert (Zahnprobleme), welche Pflanzen Kaninchen-Flatulenzen auslösen (Rot- und Weißklee) und wie viele Farbmäuse binnen Jahresfrist aus einem Pärchen werden können (angeblich 100.000). Immer wieder konfrontierten mich die Texte aus Nager & Co auch mit dem knallharten Tierhalter-Alltag, etwa mit Rennmaus-Kannibalismus und einer schwangeren Frettchenmutter, die nicht merkt, dass ein Welpe schon aus ihr rausschaut.

Stirbt Flausch oder stirbt er nicht?

Der Schwerpunkt der Herbst-Ausgabe ist den Wildratten gewidmet. Auf zehn Seiten werden so ziemlich alle Fragen beantwortet, die potenzielle Rattenfänger haben könnten: Darf man sie einfach so mit nach Hause nehmen? Wie zähmt man sie? Welche Krankheiten haben sie eventuell im Angebot? Massentauglicher als dieser Ratten-FAQ dürfte die Tier-Kurzgeschichte sein, in der eine Familie ein einsames Wildhäschen gesundpflegen will. Ob das gelingt, bleibt unklar. Der Text endet mit der bangen Frage, ob "Flausch" die nächste Nacht überlebt: "Heute können wir nichts mehr tun..." Fortsetzung folgt. Der wohl fieseste Cliffhanger, seit es Häschengeschichten gibt.

Leider bleiben in Nager & Co noch mehr Fragen offen als das Überleben Flauschs. Etwa die, wie die Südliche Vielzitzenmaus gleich 24 Zitzen auf ihren Bauch unterbringt. Mit denen ernährt sie laut Heft ihre bis zu 20 Jungen, die sie im Monatstakt wirft. Gezeigt werden in Nager & Co allerdings nur drei Vorder- und Seitansichten des Tiers. Darauf sieht es - genau wie auf dem Poster in der Heftmitte - wie eine normale Maus aus. Wieso mutet mir die Zeitschrift einige Seiten weiter einen Mäusetumor zu, weigert sich aber, diese namensgebende Zitzenarmada bildlich zu dokumentieren?

Gesucht: spannende Inhalte

Während ich eine Beschwerdemöglichkeit suchte mir die Heft-Website ansah, stieß ich auf weitere Dinge, die das Magazin bieten sollte, dem Leser in Wirklichkeit aber vorenthält. Oder gibt es in Nager & Co. irgendeine Spur von "Reiseberichten aus den Ursprungsgebieten"? Nein. "Wildlife-Reportagen"? Nein. "Interviews"? Nein. "Comedy?" Dass ich nicht lache. Auch die "umfangreiche, brillant bebilderte Fotoreportage" muss ich übersehen haben. Möglicherweise spielt der Verlag auf die weißen Mäuse an, die sich dank roter Augen auf einigen Fotos in kleine Monster verwandeln.

Das Layout erweckt den Eindruck, die Gestalter von BNA Germany hätten sich auch bei Nager & Co ausgetobt. So haben auch die Überschriften dieses Hefts einen Ehrenplatz im WordArts-Gedenkmuseum verdient. Mit viel zu vielen Farben und seltsam schattierten Wörtern im Seitenhintergrund sieht Nager & Co selbst für ein Hobbymagazin zu sehr nach Hobby aus. Immerhin ist der Großteil der Fotos passabel. Es wäre wohl auch die größere Leistung, Zwerghamster-Babys so zu fotografieren, dass sie hässlich aussehen.

Autoren in höchster Verlegenheit

Überwiegend anstrengend ist der Stil von Nager & Co. Der durchschnittliche Text hat mich sprachlich ungefähr so sehr in seinen Bann gezogen, wie es ein Soltauer Igel tun würde, der gerade Winterschlaf hält. In einem umgefallenen Reissack. So lesen sich einige Artikel des Heftes wie Schulaufsätze (Pro & Contra "Wildratten in Menschenhand"), andere wie der über Meerschweinchen-Farbschläge scheinen dagegen so stark auf Züchter zu zielen, dass sie mich mit ihren Fachwörtern verschrecken.

Am meisten nerven mich an Nager & Co. allerdings die Verlegenheitsanführungszeichen, wenn ein Autor zum Beispiel Meerschweinchen als "Turbo-Geschosse" bezeichnet, es sich aber doch nicht traut. Und auch die Überschrift "Meer Schwein" wird durch die Anführung nicht origineller. Aber ich will ja nicht - wie sagt es das Heft so unschön - "klugscheißern".

Daher noch ein ernstgemeinter Tipp: Liebe Heftmacher, wenn in eurem Magazin schon fast alle Autoren in der Ich-Form schreiben, dann packt doch einen "Infos zum Autor"-Kasten zu jedem Text. Ich würde gern mehr als den Namen desjenigen wissen, der da hochsubjektiv aus dem Nager-Nähkästchen plaudert.

Nager & Co - ein Fazit

Ich will ehrlich sein: Fachlich kann ich Nager & Co beim besten Willen nicht beurteilen. Ob zum Beispiel Rotklee wirklich zu mehr Kaninchenpupsen führt, darüber sollen sich die Experten streiten. Doch zumindest hinsichtlich Mischung, Sprache und Gestaltung hat mich das Heft enttäuscht. Meiner Meinung nach fehlt dem Nagermagazin der Biss. Dafür, dass das Magazin von lebendigen Tieren handelt, liest es sich viel zu trocken. Glücklich wird mit der Zeitschrift daher vermutlich nur, wer mehrere der Kleinsäuger besitzt. Ihm bietet sie recht ausführliche Ratgeberstücke.

Zum Schluss noch ein Wort zu "Unten am Fluss", bevor jemand seine Kleinkinder vor den Bildschirm setzt: Wenn ich ehrlich bin, hat mich der Killerkaninchen-Film wohl nachhaltiger verstört, als ich es zugeben will. Auf meinem Balkon lebte später einige Jahre lang das Kaninchen meiner Schwester. Ich kann mich nicht daran erinnern, das Tier einmal auf dem Arm gehabt zu haben. Es hätte mich ja zerfetzen können.

 

Infos zum Heft

Rodentia - Nager & Co erscheint im Natur und Tier - Verlag, der zumindest bei Markennamen eigenwillig mit Bindestrichen umgeht. Die Zeitschrift Rodentia (was übrigens das lateinische Wort für Nagetiere ist) kommt vier Mal jährlich als Rodentia - Nager & Co auf den Markt und zweimal jährlich als Rodentia - Exoten. In letzterer Variante geht es unter anderem um Beuteltiere und Stachelschweine.

Der Verlag veröffentlicht weitere Tierfachzeitschriften wie Reptilia, Koralle und Zoon. Laut Verlagsauskunft werden von Nager & Co jeweils 6500 Exemplare gedruckt. Das Heft erschien den Angaben der Verlagsgeschichte zufolge erstmals 2001.

Beschrieben wurde die Ausgabe Nr. 63 aus dem September/Oktober 2011. Sie hat 66 Seiten und kostet 5,50 Euro.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Sun, 09 Oct 2011 05:58:00 -0700 Entdeckt (22): Business Punk - Alles flauschig, alles fluffig http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-22-business-punk-ein-hauch-von-wired http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-22-business-punk-ein-hauch-von-wired

Endlich etwas Positives: "Business Punk" macht überraschend viel Spaß. Der Mix aus Internet-, Büro- und Wirtschaftsthemen ist so stimmig, dass ich dem Heft fast jedes Sprachexperiment verzeihe. Und sein "Eier aus Stahl"-Cover.

Businesspunkcover

Es gibt Hefte, bei denen beschleicht mich das Gefühl, sie wollten mich auf keinen Fall als Leser gewinnen. Damit meine ich einerseits Zeitschriften wie Girlfriends, ein Mädchenmagazin, das mit dem Slogan "Jungsfreie Zone" wirbt. Zum anderen Titel wie Business Punk, laut Eigenbeschreibung ein "Business-Lifestyle-Magazin", das vor zwei Jahren mit großem Medienecho auf den Markt kam. Ich habe das Heft seitdem nicht ein Mal gelesen.

Bereits die Beschreibung der Zielgruppe schreckte mich ab, alles klang nach Finanz- und Jobelite. Laut Verlagsangaben richtet sich das Heft an Männer, für die "Uhrzeiten nur eine Art Richtgeschwindigkeit sind und Schlaf ein notwendiges Übel, weil sie nach Büroschluss lieber mit Kollegen und Freunden feiern." Business Punks eben. Leute, die im Gegensatz zu mir wohl nie minutenlang auf den Aufzug warten, weil sie einfach an den Stahlseilen hochklettern. Kopfüber. Bürohengste, die so breitbeinig sitzen, als wäre ihre Hüfte kaputt. Arbeitstiere, die mit 15 und Irokese ihr erstes Start-Up gegründet haben. Oder so.

"Eier aus Stahl" auf dem Titel

Zurück in die Realität: Vor einigen Tagen habe ich mir doch mal eine Business Punk gekauft. Es ist einfach irgendwie passiert. Der Zug kam zu spät, direkt am Kioskeingang thronte die neue Ausgabe, niemand hat mich aufgehalten. So zahlte ich sechs Euro für eine Zeitschrift mit der Testosteron-Titelzeile "Eier aus Stahl". Übrigens war nicht mal ein Vorab-Durchblättern des Heftes möglich: Ein Autohersteller hat offensichtlich so viel für seine Anzeige gezahlt, dass sie sich von der Rückseite bis auf die Titelseite ausdehnen darf. Die Spitze eines Pappautos verschließt das Heft wie ein Clip (zu sehen auf dem Foto).

Nachdem die Karre im Müll gelandet war, fand ich in Business Punk all' das, was ich befürchtet hatte: Unzählige Gadgets etwa, die mäßig cool sind, aber viel zu teuer (Uhren für Tausende Euro, Dandy-Schlafanzüge für 645, Poker-Manschettenknöpfe für 415). Porträts von Leuten, für die ich mich nicht im Geringsten interessiere (ein Macher etwas coolerer, aber noch teurerer Uhren). Bezahlt klingende Leserbriefe wie "Leckt mich, Leute. Ihr habt genau meinen Geschmack getroffen" und "Ich will JEDEN Artikel lesen. Ja, sogar JEDE Werbung aufsaugen." Oder: "business punk ist unsere Bibel". Halleluja.

Gaming, Wirtschaft und Nerdtum

Zum Glück macht die für Lifestyle-Magazine typische Gadget- und Markenparade nur ein Viertel des Heftes aus. Der Rest von Business Punk macht dagegen richtig Spaß. So gibt es kreative Rubriken wie "Lernen von Kindern" und "Tweets und ihre Geschichte". In ersterer geben Schulkinder mehr oder weniger praktische Tipps fürs Büroleben (zum Beispiel den, dass man eine aufdringliche Verehrerin schnell los wird, indem man in ihrer Nähe öfter pupst), in zweiterer wird erzählt, welche Erlebnisse sich hinter auf den ersten Blick langweiligen 140-Zeichen-Twitter-Nachrichten eines Unternehmers verbergen.

In jeder Business-Punk-Ausgabe gibt es ein Dossier, diesmal widmet es sich auf 22 Seiten dem Gaming. Doch auch sonst setzt das Heft vorwiegend auf Internet-, Technik- und wirtschaftsnahe Themen. Unter anderem drehen sich die Artikel um Musikstreaming-Dienste, eine chinesische Bloggerin und das "Burning Man"-Festival, für das es Hunderte Nerds in die Wüste von Nevada verschlägt.  Die Porträts und Berichte sind oft vier bis fünf Seiten lang und machen daher beim Lesen deutlich glücklicher als die Texthäppchen anderer Technikmagazine.

Unternehmergeschichten mit Happy-End

Fast alle Geschichten in Business Punk sind stark personalisiert und haben ein Happy-End, meistens dienen die Karrieren von angeblich hart arbeitenden und daher gut verdienenden Unternehmern als rote Fäden. Vorgestellt werden unter anderem ein "Selfmade-Oligarch", "Deutschlands Online-König" und das "größte Genie seit Steve Jobs" (das soll übrigens der Typ mit den Eiern aus Stahl sein). Für eine mehrseitige Anzugmodestrecke wurden die Prollorapper von K.I.Z. gewonnen, die auch interviewt werden ("Wir sind die, die immer Ficki-Ficki sagen").

Optisch überzeugt Business Punk über die gesamte Heftlänge. Mit guten Fotos und Illustrationen, mit aufgeräumt wirkenden Seiten, auf denen sich oft sinnvolle Zusatzelemente wie Glossare oder Personeninfos finden lassen. Im Heft gibt es gleich mehrere Infografiken: eine ernsthafte, in der Daten zur Spielebranche visualisiert werden (in seltsamer Gelb-Rosa-Blau-Kombination), und eine unterhaltsame mit dem Titel "Ökosystem Büro", in der Büromitarbeiter mit Meeresbewohnern verglichen werden - der Abteilungsleiter etwa mit der rückgratlosen Krake. Ebenfalls ein Hingucker: Der Karriereverlauf eines Bankers, dargeboten in Aktienkurs-Form.

Angepasste Anzeigen

Experimentierfreudig präsentiert sich Business Punk im Bereich Sprache. In den Artikeln findet man schon mal ein "WTF!" der ein "Irre!". Das Heft will frech und modern klingen und meistens gelingt das auch. Sätze wie "Sarahs Lebenslauf ist auch so eine Kräuterlikör-Tequila-Rum-und-Ei-Mischung" sind repräsentativ für den Stil des Heftes. Ein Geheimtipp zur Textstrukturierung, abgeschaut aus einem Artikel über den Internetmarktplatz Etsy: Einfach mal die Frage "Alles flauschig, alles fluffig?" aufwerfen. So lässt sich zu jedem Thema überleiten, im konkreten Fall etwa zu Dildos.

Weniger nachahmenswert ist der Versuch einer Autorin, die Sprechweise eines Interviewpartners in den Text einzubauen. Das führt zu Sätzen wie "Das geht gar nicht, also really" oder "Also die nächste Nacht durchgearbeitet für die finale Präsentation, anyway, wurscht". Klingt kreativ, nervt aber, wenn es sich wiederholt. Feinfühliger wurden da einige Anzeigen auf die Business-Punk-Leserschaft zugeschnitten. Über einer Mini-Coupé-Werbung steht etwa: "Du willst mehr Thrill? Fahr ihn nackt." Das ist "Work hard. Play hard", der Magazinslogan, in Reinkultur.

Business Punk - ein Fazit

Alles flauschig, alles fluffig? Nun ja. Viele der Vorurteile, die ich gegenüber Business Punk hatte, sind beim Lesen verpufft. Das Heft ist ein unterhaltsames und handwerklich gutes Lifestyle-Magazin. Und auch wenn nicht alle Unternehmergeschichten bis zum Ende fesseln und manche Produktempfehlung nervt - die Mischung aus Internet-, Büro- und Wirtschaftsthemen überzeugt. Besonders netzaffine Leser sollten sich Business Punk mal anschauen. Und, falls noch jemand ein Reizwort braucht: Allzu weit weg von Wired ist dieses Heft nicht.

Zuletzt noch etwas aus der Reihe Zeichen und Wunder: Auf der neuesten "Girlfriends"-Ausgabe ist der "Jungsfreie Zone"-Spruch verschwunden! Ob ich das als Einladung verstehen sollte, das Heft endlich mal aufzuschlagen? Hoffentlich hat mein nächster Zug keine Verspätung.

 

Infos zum Heft

Business Punk erscheint bei Gruner + Jahr. Bisher kamen jährlich zwei Ausgaben auf den Markt, laut seiner Abo-Werbung erscheint das Heft künftig aber vierteljährlich. Das Verlagshaus Gruner + Jahr veröffentlicht viele weitere Zeitschriften wie Stern, Neon, Geo und Brigitte.

Als "Business-Lifestyle-Magazin" startete Business Punk im Herbst 2009, bisher sind fünf Ausgaben erschienen. Nach Angaben des Verlags haben sich diese jeweils rund 40.000 Mal verkauft. Die derzeitige Druckauflage beträgt 80.000 Exemplare.

Beschrieben wurde die Ausgabe 2/2011. Sie kostet sechs Euro und hat 156 Seiten.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Sun, 18 Sep 2011 09:44:00 -0700 Entdeckt (21): X-Rated - Zombie aus den Neunzigern http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-21-x-rated-zombie-der-neunziger http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-21-x-rated-zombie-der-neunziger

Düster und dünn: Auf 32 Seiten widmet sich "X-Rated" dem Horrorfilm. In Zeiten des Internets ist diese Zeitschrift eigentlich überflüssig. Immerhin verrät sie, wie man eine Zombieinvasion überlebt. Eventuell.

Coverxrated
Zur deutschen Wired ist alles gesagt, von jedem. Im Überschwang wie in Überlänge. Deshalb schreibe ich in diesem Blog nicht über den Zeitschriftenhype des Jahres. Dasselbe gilt für Donald, das seltsame Lifestyle-Magazin aus Entenhausen, mit Daisy und Klarabella Kuh als Pin-Up-Girls. Von taz bis zur FAZ existieren auch in diesem Fall so viele Rezensionen, dass ich schon diese besprechen müsste, um noch irgendetwas Neues zu schreiben. Lieber widme ich mich den Abgründen des Printmarkts, den Titeln, die im Heftregal ganz weit oben stehen oder fast auf dem Fußboden. Magazinen, die durch ein hässliches Cover auffallen. Etwa "X-Rated".

In diesem Fall ist die furchtbare Frontseite allerdings Absicht. Das Heft, dessen Titel zunächst nach Porno klingt, ist nämlich ein "Special Interest Horror-Filmmagazin". Vom 1987er-Klassiker Hellraiser bis zum gerade auf DVD erschienenen Tucker und Dale vs. Evil bespricht es düstere, blutige und schaurig-schlechte Filme. Genau das Richtige für düstere Herbstabende.

Schaurige Grüße vom Chef

Der erste Schock lässt in der X-Rated nicht lange auf sich warten, man muss das Heft nur aufschlagen. Sein Editorial beendet der Chefredakteur doch allen Ernstes mit "Schaurigen Grüßen", einer Formulierung, die sonst nur auf Einladungen zu Kindergeburtstagen steht. Motto "Monsterparty", dazu zieren gruselige Aufkleber die Karte. Dieses Heft soll eine Zeitschrift für Erwachsene sein?

Zum Glück sind die Grüße die Ausnahme. Auf einige Meldungen und eine Hellraiser-Titelstory folgen in der X-Rated Vorberichte und Tests zu 19 Horrorfilmen, die überwiegend ab 18 Jahren freigegeben wurden. Die Rezensionen des Hefts wirken glaubwürdig, auch ein Film, zu dem eine Anzeige geschaltet wurde, ist vor einem Verriss nicht gefeit. Tiefgründig analysiert werden die Filme zwar selten, doch das dürfte am Genre liegen. Statt um die Gesellschaftskritik hinter irgendeinem Gemetzel geht es also vor allem darum, ob die Tötungsszenen kreativ sind und welche Schauspielerin sich wie oft auszieht. Die X-Rated bewertet ohne Noten.

"Hier spritzt das Blut!"

Ein interessantes Bild der Heftzielgruppe bringt die Besprechung von Primal zutage. Sie endet mit den Worten: "Mit Sicherheit ist dies nicht der schlechteste Horrorfilm, [...] aber er liefert jede Menge Schleim, Blut und abgetrennte Körperteile, so dass dies dem geneigten Indie-Horrorfilm-Fan vor lauter Spaß und Bier mit Sicherheit nicht auffallen wird." Bei den Kurzkritiken sind die Fazits in der Regel nur wenige Wörter lang, etwa "Neeson souverän, Ricci nackig. Was will man mehr?" oder "Hier spritzt das Blut!".

Blutig scheint es auch beim Layouten der X-Rated zuzugehen, wie bei The Vampires finden sich auf einigen Seiten Blutflecke. Zum Teil überdecken diese Flecke sogar den Fließtext. Über genau dieses Ärgernis beschwert sich ein gewisser Yves per Leserbrief ("Die Idee an sich finde ich witzig"). Sein Tipp: "Einfach den Text über das Blut legen." Zumindest rund um seinen Brief macht die Redaktion das dann auch - auf vielen anderen leider Seiten nicht.

Die Rechtschreibung ist der Hoorror

Filmtitel werden in der X-Rated durchgehend in fetten Großbuchstaben geschrieben. So sieht der Leser zwar auf einen Blick, wo welcher Film erwähnt wird, aber spätestens bei der dritten Erwähnung des Titels in einem Bericht nervt die Hervorhebung. Farblich präsentiert sich das Heft ohne klaren Stil, teilweise ändert sich die Seitenfarbe von einer Doppelseite zur anderen komplett. Die Schrift ist mal schwarz, mal lila, mal rot. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich eine weiße Bildunterschrift vor silbernem Hintergrund gesehen. Das reicht für die nächsten 23 Jahre.

Charakteristisch für die X-Rated scheinen ihre Rechtschreibfehler zu sein. Im Web wird darüber seit Jahren gelästert. Und das zurecht: Es macht schon Angst, wenn es ein Horrorfilm-Magazin schafft, das Wort Horror falsch zu schreiben ("Hoorror"). Zumindest zieht sich das schlampige Deutsch durch das komplette Heft, inklusive den Leserbriefen. Und selbst der Chefredakteur verwechselt im Editorial die kommende 61. Ausgabe mit der 31.. Wenn man ständig Gruselfilme guckt, zittert man vielleicht öfter beim Tippen.

Tipps für die Zombieinvasion

Die Texte der X-Rated lesen sich leider auch ohne kleine Fehler mühsam. Überrascht wird der Leser höchstens, wenn einer der salopp formulierten Texte plötzlich ins feuilletonistische Geschwafel abdriftet. Dann liest man zum Beispiel von einer "höchst erquicklichen Melange aus mephistophelischen Unruhestiftern und makabren Ghoulen". Neben den Filmtests finden sich auf den 32 Seiten des Hefts noch Porträts eines Filmstudios und von "Dracula" Christopher Lee sowie ein "Special".

In "Was tun, wenn die Zombies kommen?" verrät ein Autor etwa, wie viel Geschosse eines Hauses vergittert sein sollten (nur das unterste, damit man aus dem Fenster springen kann) und warum ein Gasthof am Königssee bei einer Zombieinvasion nicht das perfekte Versteck ist (man könnte ja auf die Idee kommen): Er friert zu. Der leicht wirre Text endet mit der Passage: "Und man weiß auch nicht, ob die Zombies irgendwann so sehr verfallen, dass sie sich nicht mehr bewegen können. Falls dem nicht so ist, sollte man allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz mit einer eher kurzen Lebensdauer rechnen." Na toll.

X-Rated - ein Fazit

Ich frage mich, wer ein Heft wie die X-Rated in Zeiten des Internets braucht. Im Netz gibt es Foren für Horrorfilme, Informationen zu geschnittenen Fassungen, Trailer fast aller Filme per Mausklick. Die Websites sind zudem oft ausführlicher und praktisch immer aktueller als ein Zweimonatsheft. Auf mich wirkt die X-Rated wie ein Zeitschriften-Zombie aus den Neunziger Jahren. Vom Umfang bis hin zur schlechten Rechtschreibung erinnert mich das Heft an eine Fanzine, die vor dem Fußballstadion verkauft wird. Für sowas kann man Geld ausgeben. Aber man kann sich auch einfach das Spiel anschauen.

Ach ja: Gelesen habe ich Wired und Donald natürlich. Ich fand beide gut gemacht, aber bin skeptisch, ob die Hefte auf Dauer das Niveau der Erstausgabe halten könnten. Besonders bei Wired wäre es aber einen Versuch wert. Und gegen eine zweite Donald-Ausgabe hätte ich auch nichts. Wer weiß, vielleicht braucht es ja nur etwas Gewöhnung, damit auch mein Blutdruck nach oben schießt, wenn sich Klarabella Kuh im Stroh räkelt? Jetzt ist auch zu Donald alles gesagt.

 

Infos zum Heft

X-Rated ist ein zweimonatlich erscheinendes Horrorfilm-Magazin, das der deutsche Regisseur Andreas Bethmann in den Neunziger Jahren gegründet hat. Bis zum Jahr 1997 hieß es "Art of Horror". Mittlerweile sind 60 Hefte erschienen.

Verkauft wird die X-Rated laut ihrer Website im Bahnhofsbuchhandel, bei Fachhändlern und auf Filmbörsen. Auf eine Anfrage mit Fragen zur Auflage und zu einer wohl indizierten Ausgabe des Magazins hat die Redaktion nicht reagiert.

Beschrieben wurde die Ausgabe aus dem August/September 2011. Sie kostet 2,95 Euro und hat 32 Seiten.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Mon, 05 Sep 2011 11:08:00 -0700 Entdeckt (20): Women's Health - Zeitlos langweilig http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-20-womens-health-kommerz-und-knackar http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-20-womens-health-kommerz-und-knackar

Sex, Shoppen, Schokolade: Bei ihrer Themenwahl scheut die neue Frauenzeitschrift "Women's Health" jedes Risiko. Ratgeberstücke treffen auf Einkaufstipps. So hätte das Heft auch vor zehn Jahren erscheinen können.

Womenshealthcover

Ich bin der Albtraum jedes Adressenhändlers. Schon seit Jahren ist meine Anschrift allen großen Verlagen bekannt. Außer Frauen- und Angelzeitschriften hatte ich praktisch jeden Magazintyp mal abonniert: von der c't bis zur Zeit Campus, von der Micky Maus bis zur Titanic, vom Spiegel bis zur Vanity Fair. Sogar ein Erotikmagazin steht auf der Liste meiner abgelaufenen Abos. Als Max eingestellt wurde, entschied sich der Burda Verlag, stattdessen den Playboy ins Haus meiner Eltern zu schicken. Das war höhere Gewalt.

Die Men's Health abonnierte ich vor einigen Jahren wegen einer Promotionaktion. Dank ihr zahlte ich für zwölf Ausgaben rechnerisch nur einen Euro. Doch wieder einmal zeigte sich: Nicht alles, was günstig ist, macht glücklich. Schon nach wenigen Ausgaben nervte mich die Zeitschrift, denn im Prinzip stand immer dasselbe darin: Wie ich jede Frau rumkriege und trotz Fast Food in wenigen Wochen zum Muskelpaket mutiere. Mindestens. Ein Märchenheft für Männer. Immerhin meinte meine Schwester kürzlich, sie hätte die Men's Health eigentlich ganz interessant gefunden.

Zeitlosigkeit als Markenkern

Vermutlich hat es also nichts mit Gleichberechtigung zu tun, dass jetzt auch die Women's Health am Kiosk liegt. Der Verlag wollte wohl einfach die Zielgruppe der heimlich Men's Health mitlesenden Schwestern, Freundinnen und Putzfrauen ansprechen. Für zwei oder drei Euro (je nachdem, ob das Heft in die Handtasche passen soll) können sie sich jetzt ganz offiziell über Liegestützen und fettfreie Leckereien informieren. Schon beim Titelbild setzt die Women's-Health-Redaktion aufs Wiedererkennen: Mit dem Unterschied, dass sich das Covermodel ein Hemd leisten kann, sieht das Heft praktisch genauso aus wie die Männer-Variante. Bloß keine Experimente.

Auch bei der Themenwahl scheut Women's Health das Risiko. Die Zeitschrift setzt in erster Linie auf Themen, die bei Frauen - und vielen Männern - sicher funktionieren, etwa Sex ("Jaaaa! So stärken Sie Ihre Lust-Muskeln"), Shoppen (Studie: "Wie Sie Shoppen noch glücklicher macht") und Süßes ("Die Wahrheit über Schokolade"). Dazu Fitness, Klamotten und Körperpflege, schon ist das Heft gefüllt. Besonders einfallsreich ist das nicht. Dieselbe Ausgabe, die im Herbst 2011 am Kiosk liegt, hätte auch vor zehn Jahren erscheinen können. Oder irgendwann in der Zukunft. Austauschbarkeit Zeitlosigkeit scheint bei den Health-Zeitschriften zum Markenkern zu gehören.

Nichts zum Weitererzählen

Gestalterisch überzeugt Women's Health: Das Heft dürfte - um ein typisch männliches Sprachbild zu wählen - in der Europa League, wenn nicht sogar in der Champions League der Frauenzeitschriften spielen. Die Fotos sind ansprechend, die Artikel gut redigiert. Nach Thcene und BNA Germany empfand ich es daher fast als Genuss, mal wieder ein Heft zu lesen, das die Word-Rechtschreibprüfung überleben würde. Und wenn beim Lesen mal eine Träne über meine Wange kullerte, dann, weil ich ein echtes Layout zu sehen bekam, nicht nur eine Aneinanderreihung von Textboxen.

Nett dargebotene Artikel bietet das Heft auf seinen 140 Seiten einige. So schreibt eine Kolumnistin zum Beispiel einen Brief an ihr jüngeres Ich ("Was hat dich davon abgehalten, auch mal cool zu bleiben?") und eine Shopperin berichtet von ihrem größten Fehlkauf (pinke Peeptoes für 139 Euro). Eine weitere Autorin fragt sich, wie ähnlich sie ihrer Mutter geworden ist. Rundherum gibt es Serviceseiten, etwa mit Rezepten und Trainingstipps. Was mir in dem Heft (wie in der Männervariante) fehlt, sind allerdings echte Geschichten; Reportagen oder Porträts zum Beispiel. So wirkt die Zeitschrift relativ emotionslos - und langweilig. Keine Spur von einer besonderen Story, die man im Freundeskreis weitererzählen würde.

Knackärsche statt humane Hintern

Zahlreich vorhanden sind dagegen Produkthinweise. Die Empfehlungen der Women's Health reichen vom Ei-Cognac-Shampoo bis zum Cardigan mit angeblichem Anti-Aging-Effekt. Gleich auf vier Seiten werden dem Leser Parfümflaschen in Hochglanzoptik präsentiert. Das riecht nicht nur nach Werbung, es sieht auch langweilig aus. Kein Wunder, dass die meisten Flaschen bei Douglas stehen und nicht im Museum. An anderer Stelle im Heft werden 24 Haarpflege-Produkte aufgelistet - redaktionell bejubelt mit Formulierungen wie "sorgt für brillante Auftritte" und "nährt mit Frucht-Power". Warum ein bestimmtes Produkt überhaupt empfohlen wird, erfährt der Leser nur selten. Mancher Kurztext endet einfach mit einem Tipp: "Probieren Sie mal...".

Die fünfzehn Seiten über Modetrends habe ich schnell durchgeblättert, schockiert davon, dass ausgerechnet Animal-Outfits der neueste Schrei sein sollen. Man mag mich für einen Banausen halten, aber ich werde die Dame auslachen, die mir außerhalb der Karnevalszeit mit einer Löwenkappe (235 Euro) entgegentritt. Apropos Damen: Die meisten Frauen, die in Women's Health gezeigt werden, sind durchtrainierte Models. Knackärsche statt humane Hintern, scheint das Motto zu sein. Drei Leserinnen, die ihren Problemzonen den Kampf ansagen, sehen schon auf den Vorher-Fotos fit aus.

Studien, Studien, Studien

Stellenweise empfand ich die Sprache der Women's Health als prollig: Ein Kurztext über Proteine ist etwa mit "Eiern Sie herum" überschrieben, ein Bericht übers Abnehmen mit "Irgendwann hatte sie's dicke: Unsere Leserin [...] hat sich verdünnisiert". Bei den Überschriften neigt die Redaktion generell zu Wortspielen. Die Palette reicht von "Blauer sucht Frau" (Jeans-Kauftipps) bis zu "Gute Nacht, Määähdels". Diese Headline gehört zu einem Text über Schlafstörungen, der mit Schafen bebildert wurde. Besonders ermüdend ist dabei eine der Bildunterschriften: "Sch(l)af gut".

Übertrieben hat es die Redaktion auch beim Zitieren von Studien. "Eine Auswertung von mehr als 10 Untersuchungen hat jetzt bestätigt...", "Eine Studie beweist...", Eine aktuelle Statistik besagt...", heißt es gefühlt auf jeder zweiten Seite. Im ersten Heftteil finden sich auf neun "Scoop"-Seiten zum Beispiel 25 Meldungen, die sich auf Untersuchungen oder Umfragen beziehen. Ich vermute, britische Forscher könnten schnell herausfinden, dass das eindeutig zu viel Pseudowissenschaft ist. Mir sind da im Zweifelsfall knallharte Fakten lieber, wie in der Anzeige für einen Proteinshake. Dessen Hersteller wirbt mit dem Slogan: "Weil Männer besser sehen können als fühlen".

Women's Health - ein Fazit

Women's Health soll die Frauen-Variante der Men's Health sein. Genau das ist das Heft, im Guten wie im Schlechten. Optisch und sprachlich gibt es an der Zeitschrift wenig auszusetzen, das Heft wirkt professionell von vorn bis hinten. Das Themenspektrum ist breit, es reicht vom Kochen bis zu Klamotten. Für zwei oder drei Euro - je nach Format - bekommt der Leser immerhin 140 mit Service vollgepackte Seiten.

Auf Dauer empfinde ich die Lektüre der Women's Health aber als anstrengend. Das liegt einerseits an den oft kontextlosen Produktempfehlungen, anderseits daran, dass es kaum Geschichten gibt, die man einfach als Unterhaltung lesen kann. Fitnesstipps hier, Kauftipps dort. Mir ist dieses Heft zu emotionslos. Und das sage ich als Mann.

 

Infos zum Heft

Women's Health erscheint in der Rodale-Motor-Presse. Der Verlag veröffentlicht neben dem Männermagazin Men's Health die Laufzeitschrift Runner's World. Weltweit existieren zwölf Versionen der Women's Health, die in 24 Ländern verkauft werden, etwa in Thailand und den USA.

Die erste deutschsprachige Ausgabe kam im April 2011 auf den Markt. Sie soll sich am Kiosk mehr als 130.000 Mal verkauft haben. Wegen dieses Erfolgs wurde die Veröffentlichung der kommenden, dritten Ausgabe von Dezember auf den November vorgezogen. 2012 sollen mindestens sechs Ausgaben der Women's Health erscheinen.

Ein Heft kostet in Normalgröße drei, im Pocket-Format zwei Euro. Beschrieben wurde die Ausgabe 2/2011. Sie hat 140 Seiten.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Mon, 15 Aug 2011 12:17:00 -0700 Entdeckt (19): BNA Germany - Meerbusen und Splitterbomben http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-19-bna-germany-buntes-aus-bollywood http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-19-bna-germany-buntes-aus-bollywood

Und A3 ist für'n Arsch? Die Bollywood-Zeitschrift "BNA Germany" rühmt sich, im "hochwertigen A4-Format" zu erscheinen. Außer Filmkritiken, Songtexten und Rezepten bietet das Heft viele exotische Formulierungen.

Coverbnagermany

So oft ich sie auch lese: Manche Meldungen will ich nicht glauben. Zum Beispiel die, dass Bollywood boomt - nicht nur in Indien, sondern auch in Deutschland. Das behaupteten zum Beispiel schon RTL 2, Welt Online und Spiegel Online. Dabei habe ich noch nie jemanden getroffen, der ernsthaft von einem Bollywood-Film geschwärmt hat. Warum sollte man das auch tun? Zumindest aus den Filmen, die ich bisher im Fernsehen gesehen habe, triefte so viel Kitsch, dass es mir fast die Fernbedienung verklebte. Und dann noch diese Tänze. Schlimmer als der nervigste Disney-Singsang.

Dass es Bollywood-Filme trotzdem an jeder Ecke zu kaufen gibt, haben sie wohl einem Zusammenspiel aus Medien-Sommerlöchern und Profitgeilheit zu verdanken. Dieser Teufelskreis führte zum Beispiel dazu, dass die Videothek meines Heimatsort (das 40.000-Einwohner-Loch Mettmann) ein komplettes Neuheiten-Regal durch Bollywood-Kram ersetzte. Motto: Indienkitsch statt Fever Pitch. Fürchterlich. Wenige Monate später ist der Verleih dann aus der Innenstadt weggezogen. Zufall? Oder zu schlechtes Karma?

Selbst im Zeitschriftenhandel scheint der vermeintliche Bollywood-Boom schon wieder vorbei zu sein. Kürzlich wurde die deutsche Ausgabe von Filmfare eingestellt, wie zuvor schon die Titel Bollywood und Indien-Magazin. Bleibt als klassisches Filmmagazin nur noch ISHQ. Naja, fast. Ein weiteres Heft kam erst im September 2010 auf den Markt - angeblich, weil seine Website besonders erfolgreich gewesen ist: BNA Germany, laut Eigenbeschreibung das "No. 1 Magazine for Indian Cinema and Culture".  

Hochglanzmagazin im hochwertigen Format

Ein modernes Printmärchen also. Das machte mich neugierig und so investierte ich 2,50 Euro. Trotz eines merkwürdigen Werbetexts ("Hochglanzmagazin", das im "hochwertigen A4-Format" erscheint) und einem Slogan, den wohl nur seine Erfinder verstehen: "For us entertainment is serious business". Was soll dieser Spruch dem Käufer sagen? "Wir machen das nicht aus Spaß - wir brauchen das Geld" vielleicht?

Zurück zu den Fakten: BNA Germany ist eine Zeitschrift von epischer inhaltlicher Breite - da kann nicht mal Indien mit seinen 3000 Kilometern zwischen Westen und Osten mithalten. Starporträts und Bollywood-Klatsch ("Zu viele Pfunde ziehen Sonakshi nach unten") kombiniert das Heft zum Beispiel mit indische Rezepten, übersetzten Hindi-Liedtexten und dem Horoskop eines "indischen Starastrologen". Dazu kommen Reisetipps, Festivalvorberichte und Filmkritiken.

In den Kritiken geht es zum Teil richtig zur Sache: "Dieser Film lohnt sich ganz und gar nicht" steht etwa über einem Bericht zu Always Kabhi Kabhi. Und am Textende rät der Autor: "Vergessen Sie diesen Film sofort wieder, schauen Sie ihn sich nicht einmal an. Dieser Film lohnt sich wirklich nicht. Weder die Technik, noch das Budget [...] können hier etwas retten." So hätte man mich mal vor Mel Gibsons Passion Christi warnen sollen.

Indiens schönster Meerbusen?

Weniger klar ist der Sinn anderer Geschichten. Für eine Fotostrecke lichtete das Magazin zum Beispiel eine vollbusige Inderin als Meerjungfrau ab. Wieso genau diese Dame gezeigt wird? Warum die Fotomontage so schlecht ist? Das sind Fragen für die Ewigkeit. Vielleicht zeigt BNA Germany hier Indiens schönsten Meerbusen oder so. Aus dem Begleittext erfährt der Leser nur, dass Tanisha Singh eine "angehende Schauspielerin" ist. "Wie viele andere Girls, die Bollywood erobern wollen, versucht auch Tanisha Singh den Weg über das Modeln und die Werbung". Aha. Da verrät selbst die Coupé mehr über ihre Wichsvorlagen Girls.

Ausführlich berichtet BNA Germany dagegen über die Schwangerschaft von Aishwarya Rai Bachchan. Gleich in drei Artikeln wird dieses weltbewegende Ereignis aufgegriffen. Immerhin sind sie alle lesbar. Das ist ein großer Pluspunkt, denn es gibt auch Texte, bei denen ich in der Einleitung scheiterte. Ein Feature über Bollywood-Bösewichte beginnt zum Beispiel so: "Wir nehmen Sie in dieser Serie mit auf eine Reise in die große böse Welt der Bollywood "Baddies" seit den Anfängen und stellt Ihnen die vergessen Gesichter vor, die einige andere Leben und Karrieren auf eigene Kosten belebten, mit dem Risiko, nicht mehr gebraucht zu werden und von der Gesellschaft sogar missbraucht zu werden". Häh?

Männliche Bomben, kurz vor der Explosion

Je länger ich in der BNA Germany las, umso mehr hatte ich den Eindruck, dass sich die Autoren (eventuell auch ihre Übersetzer, denn laut Verlag stammen die meisten Schreiber aus Indien) mit den deutschen Sprachbildern schwer taten. So startet eine Filmkritik mit dem Satz: "Delhi Belly erkundet völlig neuen Boden - und das wortwörtlich. Der Film zeigt, wie sich jemand seinen Hintern mit Orangensaft wäscht." Abgesehen davon, dass ich auch den "wortwörtlich"-Witz nicht verstehe: Die übliche Floskel für den ersten Satz dürfte "betritt Neuland" lauten. Wenn schon Phrasen dreschen, dann richtig, liebes Bollywood-Heft.

Über das Magazin verteilt gibt es viele weitere Stellen, an denen die Wortwahl irritiert. In einer Kolumne schreibt der Autor zum Beispiel von "männlichen Bomben [...], die kurz vor der Explosion stehen", womit er prominente Schauspieler meint. Später im Text heißt es: "Drittens haben die Leute - und zwar nicht nur das männliche Publikum - keine Lust, diese Splitterbomben überhaupt anzuschauen." Splitterbomben? Soll das eine sexuelle Anspielung sein? Oder ein Hinweis auf irgendeinenen Krieg? Ich raffe es nicht. Entweder bin ich zu blöd für BNA Germany oder das Heft für mich.

Überschriften in WordArts-Tradition

Auch auf der Ebene kompletter Artikel enttäuscht das Magazin. So ist etwa die "Reportage des Monats" nur ein 08/15-Bericht, in dem nicht mal Szenen beschrieben werden. Handwerklich genauso schwach sind die Schauspielerporträts. Mehr oder weniger chronologisch und in lahmer Sprache erfährt der Leser, wann welcher Star welche Rolle gespielt hat. Dramaturgie? Fehlanzeige. Dagegen lesen sich Lexikon-Artikel wie Thriller.

Noch mehr Potenzial verschenkt das Heft bei den Überschriften: Oft steht einfach der Name des Porträtierten oder Interviewten über dem Artikel. Mit ihren Schattierungen erinnern die Titel zudem an WordArts. Klar, die fand auch ich mal stylish. Aber da war ich zehn. Genauso altbacken wie die Überschriften wirkt das restliche, übertrieben bunte Heftlayout. Es enthält zwar viele Bilder, von denen ist allerdings eins unspektakulärer als das andere.

Diese Drögheit könnte aber zumindest eine Erklärung liefern. Eine Erklärung dafür, warum BNA Germany auf dem Titelbild und im Heft extra dazuschreibt, dass der Bericht über Kareena Kapoor die "Cover Story" ist. Man würde es sonst einfach nicht merken.

BNA Germany - ein Fazit

Zugegeben, einem Bollywood-Heft dürfte es schwerfallen, mich zu begeistern. Aber BNA Germany scheitert nicht am Inhalt. Das Heft ist angenehm facettenreich und der Bollywood-Klatsch auch nicht belangloser als der aus Hollywood. Die Schwächen von BNA Germany liegen vor allem im handwerklichen Bereich. So fehlen den Geschichten zum Beispiel anregende Überschriften und Dramaturgien. Und die Fotos sind leider zu schlecht, als dass sie von den sprachlichen Mängeln ablenken könnten.

Immerhin habe ich für faire 2,50 Euro Einiges für das indische Kino erfahren: Etwa, dass es auch Kollywood-Filme gibt. Oder, dass es im Trend liegt, schreckliche Machwerke mit Gastauftritten von Stars wie Shahrukh Khan retten zu wollen. Was die Filme aber kein bisschen besser macht. Ich bin also gerüstet mit Halbwissen. Für den Tag, an dem Bollywood auch in Deutschland boomt.

 

Infos zum Heft

BNA Germany erscheint monatlich in der "BNA UG". Der Verlag veröffentlicht auch eine englischsprachige Variante des Hefts, die in Indien verkauft wird. Inhaltlich überschneiden sich die beiden Ausgaben teilweise. Laut Verlagsauskunft sind für das kommende Jahr eigene Ausgaben für Spanien und Frankreich geplant.

Die Druckauflage von BNA Germany liegt laut Verlag bei 35.000 Exemplaren, davon gelangen 30.000 in den Handel. Die restlichen 5.000 Exemplare werden unter anderem zur Promotion in Restaurants und auf Filmfestivals genutzt. Bisher konnte man BNA Germany nur am Flughafen und am Bahnhof kaufen. Das soll sich mit der September-Ausgabe ändern - dann gibt es das Heft auch am Kiosk.

Die erste Ausgabe des Printmagazins kam im September 2010 auf den Markt. Im Internet existiert die Marke BNA Germany als Nachrichtenportal seit 2005.

Ein Heft kostet 2,50 Euro. Beschrieben wurde die Ausgabe 8/2011. Sie hat 84 Seiten.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Sat, 30 Jul 2011 03:04:00 -0700 Entdeckt (18): Premius - Prädikat: Papiermüll http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-18-premius-testurteil-uberflussig http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-18-premius-testurteil-uberflussig

"Premius" ist aus vielerlei Gründen ein besonderes Testmagazin. Zum Beispiel, weil es nichts testet. Weil es sich liest wie ein Unternehmensflyer. Und, weil es der Info-Elite erklärt, wie das Wandern funktioniert.

Premiuscover

Ja, ich bin ein Gutscheinopfer. Manche Dinge kaufe ich nur, weil sie billiger sind. Deshalb ist es kein Zufall, dass ich bei Twitter einem Schnäppchenportal folge. Es ist kalkulierter Wahnsinn. Durch meinen Sparfetisch bin ich auch zur Zeitschrift Premius gekommen. Ich wurde schwach, als mir ein Coupon einen Euro Rabatt beim Heftkauf versprach. Im Nachhinein hätte ich lieber in Kaugummizigaretten investieren sollen. Oder in Fußballsticker zur Frauen-WM. In irgendetwas Sinnvolleres als diese Zeitschrift.

Premius bezeichnet sich selbst als "Test-Magazin". Dabei führt das Heft nicht mal eigene Tests durch. Es berichtet in erster Linie über die Sieger aus fremden Vergleichstests. Und wie berichtet man über Sieger? Als ehemaliger Messdiener fällt mir das Wort "beweihräuchernd" ein. So wird am Ende jedes großen Testberichts Berichts über einen Test ein Vertreter des Unternehmens interviewt. Dabei werden ihm Fragen gestellt wie: "Sie sind zum wiederholten Mal mit großen Punkteabstand Testsieger geworden. Warum schaffen es die anderen Kassen Ihrer Meinung nach nicht, zur Techniker Krankenkasse aufzuschließen?" Man könnte auch direkt fragen: "Dürfen wir Ihnen kurz in den Arsch kriechen?"

Aus seiner Sympathie für die Testsieger macht Premius kein Geheimnis. Eine Verlagsbroschüre fasst den Sinn des Heftes so zusammen: "Premius rollt einen roten Teppich zwischen Kunden und dem als erfolgreich getesteten Unternehmen aus". Wie genau dieser Satz zu interpretieren ist, bleibt unklar. Vielleicht ja so: "Der journalistische Wert unseres Heftes entspricht dem eines Teppichs."

AachenMünchener überall

Ausgerechnet in seinem "Test"-Teil liest sich Premius über weite Strecken wie ein Unternehmensflyer. So berichtet das Heft zum Beispiel, dass die AachenMünchener in einem Altersvorsorgetest das beste Ergebnis erzielte. Im Artikel wird dazu ein Experte der AachenMünchener zitiert. Dann gibt es noch ein Interview mit dem Vorstandschef der Deutschen Vermögensberatung (sein Unternehmen betreut die Kunden der AachenMünchener) und eine Erwähnung im Editorial: "Empfehlen die Experten der Deutschen Vermögensberatung ihren Kunden ein auf sie zugeschnittenes Altersvorsorgepaket der AachenMünchener, haben die Sparer mehr im Ruhestand". Und zusätzlich sorgt die AachenMünchener selbst für das Sahnehäubchen: mit einer Anzeige am Heftanfang. Präsenter könnte das Unternehmen wohl nur in einem eigenen Kundenmagazin sein.

Mit manchen Firmen geht Premius schon im Vorspann auf Kuschelkurs. Ein Artikel zum Handykauf beginnt etwa so: "57 Millionen Deutsche besitzen ein Handy. Doch eine gute Beratung [...] ist nicht selbstverständlich - außer beim Testsieger The Phone House". Rhetorisch lässt sich diese Aussage zwar mit Testergebnissen rechtfertigen, bei denen The Phone House die Note "gut" bekam und die Konkurrenz ein "befriedigend". Tatsächlich sind die Abstände zwischen den Firmen aber winzig, wie eine Info-Box mit den Top Drei des Tests zeigt: The Phone House erzielte 70,3 Punkte, E-Plus 68,7 und Mobilcom Debitel 68,5.

Vor allem der Service zählt

Die meisten Vergleichstests, die Premius wiederkäut, stammen vom Deutschen Institut für Servicequalität (DISQ). In diesem Zusammenhang sollte man wissen, dass das DISQ Unternehmen vor allem in Bezug auf ihren Service bewertet. Das bedeutet, dass Telefonhotline und Internetauftritt mitunter genauso wichtig sind, wie die Produkte oder Dienstleistungen, die das Unternehmen anbietet. Der Premius-Leser erfährt diese Bewertungskriterien nur in Kurzfassung - so will es das Heftkonzept.

Chefredakteur Andreas Busch schreibt auf einem Premius-Werbezettel: "Im `Premius Test-Magazin` lesen Sie keine seitenlangen Berichte über das Design von Tests, keine detaillierten Abhandlungen darüber, warum wer schlecht abgeschnitten hat". "Keine detaillierten Abhandlungen" ist dabei maßlos untertrieben. In der Regel verrät Premius nicht einmal, welche anderen Unternehmen überhaupt noch am Test teilgenommen haben.

Enthüllungen übers Wandern

Auch außerhalb des Testteils schafft es das Magazin, mir auf die Nerven zu gehen. Fast jeder Text beginnt mit dem Hinweis auf irgendeine Studie, die irgendwer irgendwann mal über irgendetwas durchgeführt hat. So tut Premius in einer Wandergeschichte, als würde es Staatsgeheimnisse enthüllen: "Der Deutsche Wanderverband bringt es ans Licht: Über die Hälfte der Deutschen bekennt sich zum sportlichen Spazieren". Und es geht spektakulär weiter: "Laut der ´1. nationalen Grundlagenstudie Wandern´ werden 2060 mehr als 60 Prozent der Deutschen wandern". Das sind die also die wahren Ausmaße des demografischen Wandels.

Immerhin verrät Premius noch mehr Wichtiges - etwa, wie dieses Wandern überhaupt funktioniert. "Wandern - das heißt eigentlich nur Schuhe anziehen und raus", erfährt man. "Und so geht es: Einfach immer vorwärts! [...] Und da Wandern so multivariabel ist, was die Länge der Strecke und die Dauer einer Tour und jeweiligen Schwierigkeitsgrad angeht, ist es für die ganze Familie geeignet." Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass Premius nach Verlagsangaben von Leuten gelesen wird, die zur "Info-Elite" gehören?

Symbolfoto vom Schweinehund

Die übrigen Servicegeschichten, die das Heft vor und nach dem Testteil füllen, sind keine Besprechung wert. Standardkost. So findet der Leser unter anderem "20 Spartipps für Ihren Wagen" (Motor aus im Stand, vorausschauend fahren, keine Kurzfahrten und so weiter), ein Interview mit einem Klimawandelskeptiker ("Treiben wir mit den regenerativen Energien den Teufel mit dem Beelzebub aus?") oder die Seite "Servicewüste Deutschland", auf der sich ein nicht genannter Schreiber über das Restaurant eines nicht genannten TV-Kochs beschwert. Als gäbe es nur einen davon.

Das Durchdachteste an Premius ist sein Layout. Die Seiten wirken aufgeräumt und strahlen sogar einen Hauch Seriosität aus. Den Gesamteindruck trübt allerdings, dass fast alle Geschichten mit Symbolbildern illustriert werden. Nett aussehende Menschen lächeln vor sich hin. Vielleicht belächeln sie auch die Bildunterschriften, zum Beispiel "Sparen am Steuer: Halter, die weniger ausgeben, fahren fröhlicher" und "Schlafende Frau: Mit neuen Hybrid-Lebensversicherungen ruhige Nächte haben".

Premius ist übrigens das erste Heft, in dem mir ein Symbolfoto des inneren Schweinehunds begegnete. Danach hat mich nichts mehr überrascht. Auch nicht, dass die Seitenzahlen dreistellig sind - in einem Heft, dessen Inhalt auf Seite 098 endet.

Premius - ein Fazit

Obwohl es mit Sparcoupon nur einen Euro gekostet hat: Meiner Meinung nach ist Premius Geldverschwendung. Kein Verbraucher braucht ein Testheft, das fremde Tests wiederkäut und mit PR-Zitaten anreichert. Weil Premius sich stellenweise wie ein Unternehmensflyer liest, kann man das Magazin höchstens betrunken glaubwürdig finden. Meine Bewertung: bestens geeignet für den Papiermüll.

Schon das Heftkonzept, sich ausschließlich den Testsiegern zu widmen, widerspricht meinen Erwartungen an ein Testheft. Ein solches kaufe ich mir auch, um zu erfahren, von welchen Anbietern ich lieber die Finger lassen sollte. Und nicht, um zu wissen, welches Unternehmen zwei Pünktchen mehr bekommen hat als das zweitbeste.

Manchmal kaufe ich mir ein Testheft aber auch, weil es mit Gutschein einen Euro billiger ist. Ich Opfer.

 

Infos zum Heft

Premius (eigentlich: PREMIUS) erscheint vierteljährlich in der Hamburger Premius GmbH. Die Zeitschrift kam im Frühjahr 2010 auf dem Markt. Mit den fünf Ausgaben, die seitdem erschienen sind, hat sich Premius schon zwei Rügen vom Deutschen Presserat eingehandelt - die letzte mit dem Heft 2/2011. Redaktioneller Inhalt und Werbung waren in einem Artikel nicht klar genug voneinander getrennt.

Nach den Mediadaten des Verlags wird jedes Premius-Heft 100.000 Mal gedruckt. Die verbreitete Auflage, zu der neben den verkauften Heften zum Beispiel Exemplare für Flugreisende zählen, liegt laut Verlag bei 47.772 Exemplaren.

Das Heft kostet zwei Euro. Beschrieben wurde die Ausgabe 2/2011. Sie hat 100 Seiten.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Sun, 17 Jul 2011 11:26:00 -0700 Entdeckt (17): The Vampires - Im Zweifel rein damit! http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-17-the-vampires http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-17-the-vampires

Das Heft zum Hype: Während "Twilight" den Teenagern das Geld aus den Taschen saugt, kommt mit "The Vampires" das erste Vampir-Magazin an den Kiosk. Neben Bella und Edward berichtet es über Graf Zahl.

Vampires-cover
Hurra, es hat sich ausgepottert. Noch wenige Tage, dann haben auch die letzten Verzauberten den zehnkommafünften Film zum fünfundzwanzigsten Buch beweint und dürfen sich anschließend wieder wie Erwachsene benehmen. Der Hype um Harry ist vorbei. Herrlich. Zehn Jahre habe ich als Nichtleser der Bücher diesen Moment herbeigesehnt, seit der siebten Klasse. Damals, als mich meine Mitschüler belächelten, weil ich keine Ahnung hatte, was ein Muggel ist. 

Eine andere nervige Saga ist leider noch nicht auserzählt. Bis zum Schluss von Twilight, der neuesten Filmplage, dauert es mindestens noch zwei Hälften des vierten Teils, von denen die erste im Herbst ins Kino kommt. Wirtschaftlich gesehen ist es also schlau, jetzt noch schnell ein Vampir-Magazin zu veröffentlichen.

Von Graf Zahl bis zum Gummi-Vampir

 The Vampires heißt das Blutsauger-Blatt, das seit März am Kiosk liegt - und das meistens den ganzen Tag lang. Schließlich kann ein Großteil der Zielgruppe erst im Dunkeln zum Zeitschriftenhändler fliegen. Tja, lieber Marvi Verlag, das passiert, wenn du ein offizielles Magazin "für Vampire und Werwölfe" rausbringst und nicht "über".

Inhaltlich richtet sich das Heft dann doch eher an die Fans der Kreaturen. Dabei berichtet das Heft vor allem über Vampire, und zwar über jeden, der nicht bei Drei in seinen Sarg gesprungen ist: von Graf Zahl ("eine der besten Puppen") über die Haribo-Vampire ("ein Muss für jeden Vampirfan") bis hin zu Mark Benecke, der nicht nur bei "Hart, aber Fair" verzweifelt, sondern auch Vorsitzender der Deutschen Dracula-Gesellschaft ist. Bei der Themenauswahl scheint die Redaktion ein klares Motto gehabt zu haben: "Im Zweifel rein damit!"

Deutschlands letzter Blutsauger

 So wird natürlich jeder populären Vampirserie gehuldigt, True Blood etwa mit einem Reiseführer für die Stadt Bon Temps (die nur in der Serie existiert) und Twilight mit den drängendsten Fragen zum nächsten Teil ("Neuer Film, neue Haare, neue Klamotten?"). Viele dieser Texte versteht man allerdings nur mit soliden Serien-Kenntnissen. Doppelseitig beschrieben wird zum Beispiel die American Vampire League. Dass auch die eine fiktive Vereinigung aus True Blood ist, verrät keine Zeile des Textes.

Allgemeinverständlich sind dagegen mehrere Geschichten am Heftanfang. Dort wird unter anderem die Kulturgeschichte der Vampire erzählt, sowie die Legende vom "letzten Vampir Deutschlands". Der soll in Morbach, im Hunsrück, gewütet haben. Das behaupten zumindest Internetberichte wie dieser.

Hohlbein beliebt zu scherzen

Als Vampir-Experte wird neben Dracula Benecke der Fantasy-Autor Wolfgang Hohlbein interviewt. Ein großer Name für ein kleines Heft, leider liest sich das Gespräch mühsam. Wenige Zeilen ist es spannend, einige skurril ("Er heißt Wolfgang mit Vornamen - logisch, dass dadurch eine gewisse Verbundenheit mit Vampiren besteht.") und die restlichen anstrengend ("Woran liegt es, dass die fantastische Literatur seit langem dermaßen boomt? - Vor allem an mir (lacht). Das war jetzt ein Scherz.")

Gelungener sind die Produkttipps, die mit 26 Seiten einen Großteil des Heftes füllen. Unter anderem stellt die Redaktion Filme, Bücher und Süßigkeiten mit Vampir- oder Werwolf-Bezügen vor. Den Medien wird eine "Diagnose" in Form von bis zu fünf Kerzen gestellt, die in den meisten Fällen nachvollziehbar klingt. Das gilt für die Kurztests. Die längeren Besprechungen habe ich selten komplett gelesen, weil mich der Stil nervte. So retten sich die Schreiber gern mit Belanglosigkeiten in die nächste Zeile. "Action ist aber nicht alles. Deshalb hat der Film auch eine Story", heißt es etwa in der Besprechung von Priest.

 Von den Seitenrändern tropft Blut

Überflüssig finde ich ein vermeintliches Highlight des Heftes, eine Fortsetzungsgeschichte von Markus Heitz. Sie handelt von zwei dämlichen Vampiren, die wissen wollen, ob sie fließendes Wasser umbringt. Deshalb schmeißen sie testweise einen anderen Vampir in einen See. Diese seltsame Story zieht sich über vier Seiten und wie sie endgültig ausgeht, erfahre ich erst im nächsten Heft - in drei Monaten. Nein, danke! Immerhin habe ich durch den Text ein neues Wort gelernt: blecken. 

Optisch bietet The Vampires Altbekanntes. Im Heft dominieren die Farben Schwarz und Rot, von den Seitenrändern tropft Blut, das Impressum steht auf einem Grabstein. Dieses sollte um jeden Preis düster wirken. Der Preis ist in diesem Fall der, dass das Heft an vielen Stellen überladen und unruhig wirkt. Schade.

The Vampires - ein Fazit

Trotz aller Kritik ist The Vampires weniger schrottig, als ich es erwartet hatte. Die Redaktion bemüht sich zumindest, mehr zu bieten, als eine Best-Of-Berichterstattung zu den populären Serien. Und wenn es eben ein Porträt von Graf Zahl ist oder eine dämliche Kurzgeschichte. Gleichzeitig ist die Themenauswahl nach dem Motto "Im Zweifel rein damit!" das Hauptproblem. The Vampires fehlt eine klare Linie, inhaltlich wie optisch. Alles wirkt wie zusammengewürfelt. Für 4,95 Euro ist das zu wenig.

Angesichts der zahlreichen Besprechungen von Filmklassikern frage mich außerdem, worüber die kommenden Ausgaben berichtet sollen. Außer dem kleinen Vampir und dem Tanz der Vampire bleibt irgendwann nur noch Vampy, eine Vampirpuppe aus dem frühen RTL2-Kinderprogramm. Und die ist genauso nervig wie Harry Potter. 

Ach ja: Wer die Website des Hefts besuchen will, sollte beim Eintippen der Adresse bloß nicht das Minus vergessen. Sonst landet er bei The Vampires, einer Band, die laut Eigenbeschreibung aus einer Zeit stammt, "als Pop-Bands noch aus dem Keller kamen". Sowas ist wirklich gruselig.

 

Infos zum Heft

The Vampires erscheint alle drei Monate im Marvi Verlag, der erst im vergangenen Jahr gegründet wurde. Vielleicht hat er deshalb noch keine Website. Neben The Vampires veröffentlicht Marvi das Bio-Magazin Bio Life.

Gedruckt wird The Vampires in einer Auflage von 35.000 Exemplaren. Erstmals erschien das Magazin im März 2011. Nach eigenen Angaben ist The Vampires "Deutschlands erstes Printmagazin für Vampire und Werwölfe".

Das Heft kostet 4,95 Euro. Beschrieben wurde die Ausgabe 2/2011. Sie hat 68 Seiten.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Wed, 06 Jul 2011 04:49:53 -0700 Entdeckt (16): Thcene Magazine - Blättchen zum Abgewöhnen http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-16-thcene-magazine http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-16-thcene-magazine

Ein Reisebericht, Hanfklamotten, Verschwörungstheorien: "Thcene" bietet mehr als Gras-Geschichten. Das Kiffermagazin wird professionell vertrieben, ist aber amateurhaft produziert.  

Thcene-cover

Print wirkt? Es gibt Momente, in denen stimmt dieser Spruch. Sonntags in der bayerischen Bummelbahn zum Beispiel. Wenn ich angeschaut werde, als blättere ich in "Mein Kampf". Dabei lese ich nur "Thcene". Diese Zeitschrift mit dem Slogan "Mehr als Gras" ist weder verboten, noch zieren sie Mohammed-Karikaturen oder Brüste. Von der Titelseite grüßt stattdessen eine Hanfpflanze. Wie "Grow!" und die Zeitung "Hanf Journal" hat sich meine Zugbegleitung dem Cannabis verschrieben. Grünes kann so aufregend sein.

Dabei startet Thcene vorsichtig - mit einer ganzseitigen Warnung: "Achtung: Der Anbau von Cannabis ist genehmigungspflichtig" heißt es in einem Logo, darunter folgt die Botschaft, dass alle Artikel einen "rein informativen Charakter" hätten. "Sie stellen keine Anleitung bzw. Aufforderung zum Konsum, Anbau oder Verarbeitung illegaler oder legaler Drogen da." Ulbricht hätte gesagt: "Niemand hat die Absicht, einen Joint zu errichten."

Ab ins Heft: Die Themenpalette reicht vom Interview mit einem Kiffer ("Mutti findet es natürlich doof") bis zu Berichten über den Anbau bestimmter Cannabissorten. Die lesen sich mal wie dahin geschluderte Protokolle aus dem Bio-Unterricht und mal halbwegs anschaulich ("So dauerte es 15 Tage, bis sich der Geruch von Katzenurin in kräftiges Aroma verwandelt hatte"). Kurios wird es, wenn in einem Kifferheft die Evolutionstheorie erklärt wird - am Beispiel von Hanf.

Einstandstüte im Indienurlaub

In Thcene finden sich nicht nur Gras-Geschichten. Als Kontrastprogramm zur Pflanzenkunde wird unter anderem die Wiener Band Dubble Standart interviewt - weil sie ihr neuestes Album "Marijuana Dreams" taufte. Außerdem präsentiert die Redaktion Hanfkleidung und eine Top 10 der Verschwörungstheorien. Dabei darf eine Theorie zum 11. September nicht fehlen. Ein Nebensatz lautet: "Seltsamerweise hat es die ach so mächtige USA [...] trotz Millionen-Kopfprämie nicht geschafft, Osama bin Laden dingfest zu machen". Da lag der Redaktionsschluss vor den "Breaking News".

Ein siebenseitiger Report über eine Indienreise könnte auch in anderen Zeitschriften erscheinen, würde man einzelne Absätze streichen, etwa: "Da wir aber in Mamallapuram bereits Beutelchen mit indischem Weed gekauft hatten, konnten wir den zahlreichen Verlockungen der fliegenden Hanfhändler dann aber doch widerstehen." Auch die "ordentliche Einstandstüte von der illegal eingeführten Berliner Handelsware" bliebe in einer Geo-Reportage wohl Redaktionsgeheimnis.

Viel zu breite Zeilen

 Der Schreibstil in Thcene ist ein unbeholfener, Sprachbilder wirken mitunter seltsam. "Die Berliner Hanfaktivisten [...] blasen zum dritten Mal in die Berliner Hanftagstrompete", heißt es zum Beispiel in einem der Texte. Für Leser, die das nicht verstehen, folgt ein Satz später die Erklärung: "Dazu veranstalten sie [...] zum dritten Mal den Hanftag in Berlin". Ach so. Viele der meistens mehrseitigen Artikel sind aus der Ich-Perspektive geschrieben, oft unter Pseudonymen wie "Mr. CalyX" oder "Mr. Grow".

Optisch dominiert die Farbe grün, der Großteil der Fotos zeigt Cannabispflanzen. Mal klein, mal posterartig auf einer Doppelseite, die man sich an die Wand hängen kann - als Motivationsbildchen für die eigene Plantage. Das Thcene-Layout ist abwechslungsreich, aber augenfeindlich. Es mag zwar zum Inhalt passen, dass manche Texte breit sind. Aber Zeilen, die sich teilweise mit 130 Zeichen über eine ganze Seite strecken, gehören verboten.

Fehler über Fehler

Allgemein ist die Lektüre von Thcene eher Krampf als Genuss. Auf fast jeder Seite finden sich Rechtschreibfehler, auch in den Anzeigen ("Outdoor-Ernte: Mitter Ocktober"). Kommata werden nur in Ausnahmefällen gesetzt und das "ß" scheint auf der Redaktionstastatur zu fehlen. Selbst Wortkopplungen sind tabu, lieber heißt es "Gen Veränderungen" und "Alexander Platz". So gesehen ist es konsequent, dass bereits das erste Wort des Editorials falsch geschrieben wurde. Einem "dass" fehlt das zweite "s".

 Im Gegensatz zum Textbrei schwankt die Qualität der Anzeigen zwischen professionell, peinlich und bemüht-kreativ. Das Hanf Journal hat sich etwa bei der Frankfurter Allgemeinen inspirieren lassen: "Dahinter steckt ein highterer Kopf", behauptet es. Auf derselben Seite wirbt ein spanischer Cannabissamen-Versand: "hIER wirD JEder FROSCH zuM graSKöniG!". Hinweise auf ein geheimes Muster innerhalb der Klein- und Großschreibung nehme ich gern entgegen.

"Weltbester Fake-Pimmel"

 Eine Verbindung könnte auch zwischen Anzeigen und redaktionellen Inhalten bestehen. So schreibt Thcene etwa über eine bestimmte Cannabis-Sorte, dass sie "sowohl indoors als auch outdoors voll zu überzeugen" wusste. Sie liefere Pflanzen in Bestform. Aufmerksamen Lesern ist der in dem Bericht gelobte Samenhändler ohnehin bekannt. Die Amsterdamer Firma wirbt nicht nur auf der Coverinnenseite, sondern verlost in einem Gewinnspiel auch noch Sweatshirts und T-Shirts. Insgesamt gibt es drei weitere Anzeigenkunden, die in Berichten erwähnt werden.  

Zum Schluss ein Fundstück: Zwischen all' der Samenwerbung (teilweise mit dem Zusatz, dass die Samen "ausschließlich der Sammlung" dienen) versteckt sich eine Anzeige für einen Penis. Beworben wird der "weltbeste Fakepimmel" mit "Push & Piss"-Funktion und dazu passender Unterhose. Diese Kombination hilft scheinbar nicht nur beim Urintest-Betrug, sondern macht auch Hunde rollig. Zumindest weiß ich nicht, wie ich die letzten Sekunden des Werbevideos sonst deuten soll.

Thcene - ein Fazit

Vom Kiffen mag man halten, was man will. Thcene lässt sich ohne einen moralischen Exkurs beurteilen. Dabei schneidet das Heft eher schlecht ab. Obwohl es professionell vertrieben wird, wirkt es wie ein Amateurprodukt. Von Kiffern für Kiffer geschrieben, wenn überhaupt Korrektur gelesen, dann bekifft. Viele kleine Lieblosigkeiten bis hin zu Überschneidungen von Artikeln und Anzeigen disqualifizieren das Heft als ernstzunehmende Lektüre. Ein Blättchen zum Abgewöhnen.

Positiv zu erwähnen ist relativ große inhaltliche Bandbreite, sowie der annehmbare Preis von 3,50 Euro. Und das Heft bleibt ein Geheimtipp für jeden, der in der Bahn abwertende Blicke auf sich ziehen will.

 

Infos zum Heft

Thcene (eigentlich: thcene magazine) erscheint alle zwei Monate im spanischen Verlag Happy Leaf Media. Die Zeitschrift engagiert sich zum Beispiel als Sponsor des "Hanftags 2011".

Eine Anfrage zur Auflage des Magazins hat mir die Redaktion nicht beantwortet. Anfang 2006 ist Thcene laut einem Forumseintrag mit einer Druckauflage von 30.000 Exemplaren gestartet. 

Das Heft kostet 3,50 Euro. Beschrieben wurde die Ausgabe 3/2011. Sie hat 84 Seiten.

(Hinweis: Auf Links zu den Websites der Samenhändler habe ich bewusst verzichtet. Wer Cannabis anbauen will, sollte in der Lage sein, Google anzuschmeißen.)

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Sat, 25 Jun 2011 02:54:00 -0700 Entdeckt (15): Top in Fußball: Frauen WM 2011 - Tüte ohne Wunder http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-15-frauen-wm-2011-wundertute-ohne-wu http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-15-frauen-wm-2011-wundertute-ohne-wu

Auf Zeitschriftentiteln wurden schon größere Versprechen gemacht als "Infos, Stars und Interviews". Bitter, wenn ein Heft nicht mal das einlöst. "Top in Fußball - Frauen WM 2011" wirkt wie der Beipackzettel eines Plastikfähnchens. Für 5,95 Euro. 

Cover-frauen-wm

Ich wollte doch nur Fachwissen vortäuschen. Wollte daherreden: "Die spielt gut, die Bianca Schmidt!" und "Ein Glück, dass Robyn Gayle nicht zielen kann". Wollte hören: "Krass, du kennst sogar die Kanadierinnen". Also kaufte ich mir ein Magazin zur Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen. Gebracht hat es nichts. Dafür habe ich jetzt ein Deutschland-Autofähnchen. Nur leider kein Auto.

Das Magazin meiner Wahl heißt "Frauen WM 2011" und ist ein Sonderheft von "Top in Fußball". Ich weiß nicht, was genau "Top in Fußball" ist, bilde mir aber ein, schon Zeitschriften mit diesem Logo gesehen zu haben. Im Bahnhofsbuchhandel versteckten sie sich meistens hinter Sport Bild, 11Freunde und Kicker. Veröffentlicht wird das WM-Heft von der bpa sportpresse, einem Verlag, der schon auf seiner Homepage beweist, wie viel Energie er in aktuelle Sportberichterstattung investiert. Bis heute kann der Nutzer dort tippen, wer Deutscher Meister 2011 wird: Bayern vielleicht? Bremen oder Hamburg? Champion Dortmund steht nicht zur Auswahl, man kann höchstens für "ein anderer Verein" stimmen.

Aber was soll's? Entscheidend ist bekanntlich auf'm Platz im Heft. Im Fall von "Frauen WM 2011" ist dieses komplett eingeschweißt - offiziell wohl, damit das Fähnchen nicht verlorengeht. Vielleicht ist es aber auch ein Psychotrick, um Leute wie mich zum Kauf anzuregen. Denn tief in mir glaube ich an das Gute, sogar in Wundertüten. Und erst recht, wenn neben "Infos, Stars und Interviews!" noch "Die Frauen-WM von ihrer schönsten Seite" auf dem Cover steht. Dann kaufe ich auch ein Heft, durch das ich vorher nicht blättern konnte. Ein Heft, das theoretisch aus einer einzigen Doppelseite bestehen könnte, auf der einem der Verleger den Mittelfinger zeigt. Denn sein Geld hat er dann ja.

Namenlose Nationalspielerinnen

Machen wir's kurz: Das Heft hat immerhin 84 Seiten und niemand stänkert gegen den Leser. Ein Wunder konnte ich in der Tüte aber auch nicht finden. Das Magazin beginnt mit einer Mischung aus Fotos und Meldungen rund um die WM - etwa der, dass es die deutsche Trainerin Silvia Neid als Barbie-Puppe zu kaufen gibt ("Das macht mich stolz, ich fühle mich geehrt"). Grandiose Idee. Ich persönlich fände Handpuppen von Jogi Löw und Michael Ballack aufregender - bei dem Theater, was die beiden derzeit machen. Auf die Meldungen folgt ein Kommentar zu den deutschen Titelchancen (Tenor: Der Titel ist drin!), ein Interview mit Linda Bresonik (Der Titel ist drin!) und eine Zusammenfassung der WM-Historie der Frauen (Der Titel ist wieder drin!). Das alles liest sich nett, ist aber in etwa so überraschend wie das ARD-Programm um 20 Uhr.

Im zweiten Heftteil werden alle Teams doppelseitig vorgestellt, mit Kadern, Qualifikationsergebnissen, Trainern, einigen Stars sowie einer Prognose für das Turnierabschneiden. Standard-Statistik eben. Wahnsinnig stört mich allerdings, dass bei keinem Mannschaftsfoto die Namen dabei stehen. Ich sehe jeweils elf Damen und habe nicht die geringste Ahnung, wer davon wer ist. Nicht mal die deutschen Nationalspielerinnen erkenne ich, wenn ich sie ab morgen im Fernsehen sehe. Dabei wird das deutsche Team sogar ein zweites Mal auf einem Poster abgebildet. Die Infos zu den Kickerinnen beschränken sich jeweils auf Position und Alter. Ich muss ja nicht gleich Gewicht, Schuhgröße und Telefonnummer erfahren - aber die Vereinszugehörigkeit oder die Zahl der Länderspiele hätte die Redaktion schon recherchieren können.

Vier Seiten voll Promi-Plattitüden

Schaut man sich die Teamseiten an, wirkt der Coverspruch "Die Frauen-WM von ihrer schönsten Seite" übrigens wie Satire - alle Seiten sehen ähnlich aus, und zwar ähnlich langweilig. Nach den Mannschaftsporträts geht es in ebenso unspektakulärem Layout weiter. Zuerst werden die WM-Spielorte vorgestellt ("Es wäre nicht fair, Leverkusen einzig und allein auf die Bayer AG zu reduzieren"), dann folgt Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus, über die bereits bei den Meldungen berichtet wurde. Öde.

Noch öder sind die vier folgenden Seiten, die aus Promi-Plattitüden bestehen - mal vom ehemaligen Bundespräsident Horst Köhler (Wie viele Jahre ist sein Zitat eigentlich alt?), mal von Skirennläuferin Maria Riesch. Sie schafft es, in einem Satz zweimal das Gleiche zu sagen: "Dieses Festival des Frauenfußballs im Sommer 2011 wird ein schönes Fußballfest sein". Basketballer Steve Nash äußert sich dagegen gar nicht zur WM. "Von meinem Investment in die Frauenfußballliga erhoffe ich in erster Linie keinen finanziellen Gewinn", verrät er. Aha.

Altes Heft, gleiches Cover

Hat man sich erstmal durch das Heft gekämpft, sollte man lieber nicht mehr auf das Cover schauen. Dem Blutdruck zuliebe. Dort steht nämlich "Interviews". Ein Plural - und eine Lüge. Im ganzen Heft gibt es ein einziges Interview, das mit Linda Bresonik. Wie schafft man es als Zeitschriftenmacher bitte, nicht mal ein 08/15-Versprechen wie dieses einzulösen?

Noch mehr Unverständnis löst bei mir eine der Verlagseigenanzeigen aus (normale Anzeigen gibt es nicht). Angepriesen wird ein "Sport Planer" zur WM - mit Kadern, Stadien und Terminen. Liebe bpa sportpresse, ist das nicht genau das, was auch in "Frauen WM 2011" steht? Wofür bräuchte ich diesen Sportplaner? Warum hat er das gleiche Covermotiv? Und wieso erschien er bereits im Dezember - Monate vor der WM? Damit ihr jetzt ein weiteres belangloses Heft nachlegen konntet?

Fragen, die wohl unbeantwortet bleiben. Vielleicht ist es das Beste, nicht lang über dieses Magazin nachzudenken. Vielleicht dient "Frauen WM 2011" nur dazu, alte Fähnchen loszuwerden. Denn eins davon ist neben einem Spielplan ja auch noch in der Tüte. Und so ein paar Fähnchen könnten bei der bpa sportpresse noch übrig sein, vom "Top in Fußball"-Sonderheft zur Herren-WM 2010. Aber das ist Spekulation.

Frauen WM 2011 - ein Fazit

Was bleibt nach nicht mal 90 Minuten Lektüre? Das Gefühl, den Beipackzettel eines Autofähnchens gelesen zu haben. Ein Heft voller oberflächlicher Informationen, das man freiwillig nur anrührt, wenn die eigene Gesundheit davon abhängt. Selbst das Gruppenspiel zwischen Äquatorial-Guinea und Australien ist vermutlich aufregender als dieses Magazin, das beiden Teams ein Vorrunden-Aus prognostiziert.

"Frauen WM 2011" ist zudem maßlos überteuert - Fähnchen hin oder her. Im Ramschladen gibt es die Plastikvariante für einen Euro. Anstatt 5,95 Euro für diese Zeitschrift zu verballern, sollten sich WM-Interessierte zwei Bier in der Sportkneipe gönnen. Und dabei unsere Nationalelf anfeuern.

 

Infos zum Heft

Top in Fußball: Frauen WM 2011 erscheint bei der bpa sportpresse. Der Verlag veröffentlicht weitere Sportzeitschriften, darunter ein Fußballheft, das sich ausschließlich mit dem FC Bayern München beschäftigt. An Formel-1-Fans richtet sich zum Beispiel das Rennmagazin F1 Racing. Für Volksmusikfans hat die bpa sportpresse das Heft "Schlagerhits" im Angebot.

Eine Anfrage zur Auflage des WM-Sonderheftes hat mir der Verlag nicht beantwortet. Auch die Frage, worum es im Sonderheft 1/2011 ging, blieb ungeklärt. Auf der Verlagshomepage wird das Heft nicht erwähnt.

Das Magazin kostet 5,95 Euro inklusive eines Autofähnchen und eines Spielplans. Beschrieben wurde das Sonderheft 2/2011. Es hat 84 Seiten.

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher
Sat, 04 Jun 2011 00:17:00 -0700 Entdeckt (14): Busfahrer - Rastplatzfantasien treffen Super-GAU http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-14-busfahrer-super-gau-trifft-rastpl http://kioskforscher.posterous.com/entdeckt-14-busfahrer-super-gau-trifft-rastpl

Ist diese Zeitschrift schuld an allen Verspätungen? Lesen Deutschlands Busfahrer an jeder Kreuzung "Busfahrer"? Unwahrscheinlich. Fürs Handschuhfach gibt es aufregendere Hefte.

Busfahrer

Eine gute Idee darf naheliegen. Warum sollte man Zeitschriften nicht nach ihrer Zielgruppe benennen? Sooo süss hieße fortan "Nasenfetischist", Ufos & Kornkreise "Ufo-Opfer", die Super-Illu "Ossi". Und Business Punk dürfte seinen Namen behalten. Schließlich scheint es tatsächlich Bürohengste zu geben, die ein Heft mit der Schlagzeile "Fickileaks: Sex im Büro ist eine schlechte Idee, aber trotzdem ganz geil" kaufen. Mit einem Blick könnten Kioskkunden erkennen, welches Magazin für sie das richtige ist.

Die Fachzeitschrift "Busfahrer" lässt schon jetzt ihren Titel für sich sprechen. Auch das überladene Cover verrät sofort, was den Leser erwartet: Busse, Busse und ein paar Neuigkeiten übers Busfahren. Dazu Berichte über Modellbusse, Wasserbusse und Wohnbusse. Und über den "Superbus". Und den Airbus. Und den Cottbus. Und den Incubus. Dieses Heft ist ein Sommernachtstraum für alle, die in langweiligen Linienbussen oder Wracks umher tuckern.

Tiger frisst Busfahrer

Eine Busfahrer-Ausgabe besteht aus vier Ressorts: "Aktuell", "Service", "Report" und "Technik". Los geht es mit launigen Kurznachrichten, zum Beispiel "Tiger frisst Busfahrer". Vor den Augen seiner Fahrgäste sei ein chinesischer Busfahrer von einem Sibirischen Tiger angegriffen worden. "Na, Mahlzeit", kommentiert die Busfahrer-Redaktion. Bestimmt lacht darüber dieser fiese Fahrer, der immer losfährt, wenn ich mit letzter Kraft gegen die Tür hämmere. Oder niemand. Zwischen viel Service (Wie teuer ist das Bußgeld in Italien?) versteckt sich noch die Meldung, dass eine litauische Busfirma plant, ihre Angestellten nach dem Körpergewicht zu bezahlen. Bekloppte Buswelt.

Mit gewichtigeren Themen beschäftigt sich der hintere Heftteil. Auf acht Seiten wird dort das Auswandern in die Schweiz schmackhaft gemacht ("Hohe Löhne und ein sicherer Arbeitsplatz", "In der Schweiz macht Busfahren noch Spaß"). Davor, dass becircte Busfahrer beim Umsiedeln ewig die Hauptstadt des Nachbarlandes suchen, bewahrt sie ein Merkzettel zum Ausschneiden und Abheften (die Schweiz hat nämlich nur eine Bundesstadt) - soviel Service muss sein. Auch dem Super-GAU widmet sich das Heft. Der ist in diesem Fall aber keine Atomkatastrophe, sondern ein Brand im Bus. Mehrere Fahrer erzählen ihre Feuergeschichten, Notfalltipps ergänzen den fünfseitigen Artikel.  

Finde den 20-Tonner!

Spannend fand ich einen Report über den Linienbus der Zukunft. Die Türen, durch die man einsteigen soll, leuchten in diesem Fahrzeug grün. Drinnen zeigen Lampen über den Sitzen an, ob ein Platz frei ist. Und weil Fahrgäste mittels ihres Handys identifiziert werden, ist selbst das Ticketziehen überflüssig. Wie das alles funktioniert, zeigt dieses Video (ab Minute 2:40). Auch eine Reportage über einen kanadischen Gletscherbus hat mir gefallen. Ausführlich präsentiert sich im Busfahrer der "Supertest", der ein Fahrzeug in 36 Kategorien bewertet, von der Armaturenbeleuchtung über das Müllkonzept bis zum Klo. Das Handling des T917 Altano beschreibt der Tester so: "Es ist eine wahre Freude, auch sehr schlechte Straßen mit diesem Bus ´glattzubügeln´". Klingt gut.

Handwerklich überzeugt das Heft weitgehend, einige Seiten wirken allerdings unfreiwillig komisch. Auf dem Poster in Heftmitte exisitieren zum Beispiel so viele Lichtquellen und Reflexionen, dass es beinahe als Suchbild durchgeht ("Finde den 20-Tonner!"). Auf einer anderen Seite wird eine Auszubildende vorgestellt, die fast beim Busfahrer-Wissenswettwerb gewann. "Von wegen Männerdomäne" heißt es im Vorspann der Geschichte "Frau am Steuer". Das passende Bild dazu: Die zweitplatzierte Azubine umstellt von sieben Männern. Von wegen Männerdomäne. Tatsächlich werden im Heft fast nur Männer gezeigt. Sogar der Bus von der Titelseite wird beschrieben als "männlichste Versuchung, seit es Busse gibt".

"Größe XXL" oder "Kurz und gut"

Bis sich mehr Frauen in den Fahrerkabinen und im Heft tummeln, hilft einsamen Busfahrern vielleicht ein Blick in den "Stellenmarkt". Dort wirbt eine Anzeige für "Rastplatz-Fantasien". Die sind vermutlich aber alles andere als fantastisch. Sendet man für 1,99 Euro "BUS" an eine fünfstellige Nummer, landet man lediglich in einem moderierten Chat. Da dürfte eine Durchsage im eigenen Bus erfolgsversprechender sein: "Endhaltestelle heute: mein Schlafzimmer. Und Sie, werte Seniorin, müssen leider schon hier raus". Wenn die Masche nicht zieht, hat man zumindest mehr Freizeit - der Suspendierung sei Dank.

Apropos Freizeit: Auf die Frage, was Busfahrer außer ihrem Job interessiert, will man nach der Zeitschriftenlektüre zweisilbig antworten: Busse?! Ganz nach dem Motto "Erst die Arbeit und dann die Arbeit nachspielen" wird unter anderem eine Bussimulation vorgestellt. Weiter empfiehlt die Redaktion das Quartett "Busfahrers Lieblinge", in dem die Fahrzeuge in Kategorien wie "Größe XXL" und "Kurz und gut" geordnet sind.

Jargon, Umgangssprache und Kauderwelsch

Die Sprache im Heft wechselt zwischen Busfahrerjargon ("Schlechtwegstrecken"), Umgangssprache ("Warum muss man für die Pieselpause an der Raststätte zahlen?") und kompliziertem Kauderwelsch ("Enge definiert sich anders. Und als wäre dieser Überfluss noch nicht ausreichend, ..."). Aus manchen Formulierungen trieft der Kitsch. "Es sind Freundschaften entstanden. Virtuelle hauptsächlich. Doch aus Bits und Bytes wurden menschliche Gene", heißt es etwa im Kontext eines Fahrertreffens, das per Internet organisiert wurde. Vielleicht stammen wir doch alle von Robotern ab.

Ansonsten stören mich an der Zeitschrift vor allem Kleinigkeiten: Mal fehlt acht Seiten lang die Seitenzahl, mal die Lösung eines Bilderrätsels. Dafür enthält sogar das Kreuzworträtsel Begriffe aus der Berufswelt ("Reisekoffermaterial" mit fünf Buchstaben?). Weil es insgesamt nur 5 1/2 Seiten Anzeigenseiten gibt, liest sich das Heft angenehm.

Busfahrer - ein Fazit

Busfahrer ist eine ordentlich bis gut gemachte Fachzeitschrift. Im Editorial nimmt sich das Heft aber zu wichtig. "Der BUSFahrer ist Ihr täglicher Begleiter, auf der Linie in Bochum genauso wie unterwegs im sonnigen Spanien", heißt es dort. Das ist übertrieben, als täglicher Begleiter taugt das Heft nicht. Nach zwei Stunden hatte ich die meisten Texte gelesen und mich an reflektierenden Scheiben und leeren Sitzreihen sattgesehen. Wagen hält, Heft raus.

Auch echte Busfahrer dürften nicht ewig in der Zeitschrift herumblättern. Fürs Handschuhfach gibt es aufregendere Magazine. Mit 3,90 Euro ist der Preis des Heftes akzeptabel.

Ach ja, noch was: Auf der Busfahrer-Website würde dieser Text wohl so enden: "P.S.: Wir lieben Busse." Als würde man das nicht sofort merken.

 

Infos zum Heft

Busfahrer (eigentlich: BUSFahrer) erscheint vierteljährlich bei den Springer Fachmedien München, laut Selbstbeschreibung „einem der führenden Fachverlage für die Verkehrsbranche“. Er veröffentlicht unter anderem noch die Titel „Tankstellen Markt“ und „Trucker“. Mit Axel Springer, der Heimat von BILD, hat der Verlag nichts zu tun.

Die Zeitschrift existiert seit 2004. Nach Verlagsangaben richtet sie sich an Busfahrer, Businteressierte und Busunternehmen. Ihre gedruckte Auflage beträgt 16.000 Exemplare.

Busfahrer kostet 3,90 Euro. Beschrieben wurde die Ausgabe 1/2011. Sie hat 84 Seiten.  

Permalink | Leave a comment  »

]]>
http://files.posterous.com/user_profile_pics/1723089/profilmarkusklein.JPG http://posterous.com/users/he6wQLfRRfTE6 Kioskforscher Kioskforscher Kioskforscher